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Die FF Staufen stellt den weltweit ersten Teleskopgelenkmast ALP325 in Dienst

100 Jahre liegen zwischen dem ersten bei der Freiwilligen Feuerwehr (FF) Staufen im Breisgau in Dienst gestellten Hubrettungsgerät und dem neuen. Treffender als „Von der Holzleiter zum Hubsteiger“ konnte daher die Feier zur Indienststellung des Teleskopgelenkmastes ALP325 (Aerial Ladder Plattform mit 32 Metern) nicht bezeichnet werden. Doch bis es dazu kam mussten ganz andere Hindernisse überwunden werden und „baden-württembergische Feuerwehrgeschichte geschrieben“ (Gundolf Fleischer) werden.


Es ist ungewöhnlich dass eine Freiwillige Feuerwehr noch dazu die einer Kleinstadt wie Staufen einen Teleskopgelenkmast (TKM 23/12) beschafft. Außer Staufen verfügen nur Walldorf und Lahr in Baden-Württemberg über einen TKM.


Stichwort Staufen

Staufen im Breisgau (Baden-Württemberg) hat etwa 7700 Einwohner in 3 Stadtteilen und liegt im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald. Die Gemeinde erstreckt sich auf einer Fläche von 2326 Quadratkilometern. Zusammen mit der Stadt Bad Krozingen bildet Staufen ein Mittelzentrum südlich von Freiburg. Staufen liegt am Fuß des Schwarzwalds am Ausgang des Münstertals. Die Stadt kann auf eine über 1200-Jährige Geschichte zurückblicken.

Notwendig war die Investition aus zwei Gründen: Die in der Alarm- und Ausrückeordnung verankerten Drehleitern aus Bad Krozingen (DLK 23-12) und Heitersheim (DLK 18-12) konnten nicht innerhalb der vorgeschriebenen Hilfsfrist vor Ort sein. Eigens durchgeführte Probefahrten bestätigten das. „Nach zehn Minuten sollte ein Hubrettungsgerät vor Ort sein wenn die Gemeinde die entsprechende Bebauung hat und das schafft die Drehleiter aus Bad Krozingen oder Heitersheim in der Regel nicht“ führt Staufens Gesamtkommandant Wolfgang Schuhmann aus.

Der zweite Grund ist die historische Altstadt. Schuhmann sagt dass „man mit einer Drehleiter keinen Einsatzerfolg erzielen“ kann – wie am 22. März 1992. Damals zerstörte ein Brand eine ganze Häuserzeile. Enge Gassen und die dichte Bauweise der Häuser machen es unmöglich eine Drehleiter aufzustellen.

Viele Häuser in der Altstadt stehen in zweiter oder dritter Reihe und können mit einer DLK nicht erreicht werden. „Brandabschnitte gibt es da überhaupt keine“ erklärt Schuhmann. Durch den Knick im Mast ist ein Erreichen nun möglich.

Bauliche Veränderungen an den Gebäuden verschärften die Problematik noch da dort „wo früher nur Speicher und Lagerraum war jetzt Kinderzimmer und Schlafzimmer sind“. Staufen hat außerdem zwei Hochhäuser die keinen zweiten Rettungsweg besitzen eine Seniorenwohnanlage und die Kurklinik.

Trotz Notwendigkeit schwierige Beschaffung

Trotz der objektiven Notwendigkeit eines Hubrettungsgerätes konnte es nicht beschafft werden: Die alte Feuerwache in der Altstadt bot einfach zu wenig Platz. Das änderte sich mit dem Neubau der Feuerwache 1996.

Ein wichtiger Schritt war der „mittelfristige Entwicklungsplan“ für die Stadt Staufen. Dieses von der Feuerwehr erstellte Gutachten analysiert wie sich die Stadt zukünftig entwickelt und was das für die Feuerwehren und ihren Bedarf bedeutet. Der Gemeinderat zeigte sich beeindruckt und setzte den Plan ab dem Jahr 2000 um. Kommandant Schuhmann zieht positive Schlüsse aus der Eigeninitiative. Wenig später wurden solche Gutachten „von oben“ angeordnet.

Umstritten war die Entscheidung für den Teleskopgelenkmast über Staufen hinaus. Letztlich zeigte eine Vergleichstest vor Ort die Vorteile eines TKMs. Die Feuerwehr Staufen lud schließlich die Firmen Iveco Magirus Bronto Skylift Metz / Wumag Schlingmann / VEMA und Schmitz / Marte mit ihren Vorführungsfahrzeugen ein.

Gänzlich unproblematisch lief die Beschaffung nicht. Staufens Bürgermeister Michael Benitz sprach am Tag der Indienststellung von einem „steinigen Weg“. Zwar erlaubt die DIN EN 1777 die Beschaffung eines TKMs das Land Baden-Württemberg bezuschusst aber nur Drehleitern nach der alten DIN 14701. Das Land bestand auf Einhaltung der alten Norm. Der Grund dafür liegt in der Landesbauordnung die für Hubrettungsgeräte ein maximales Gewicht von 16 Tonnen vorschreibt – der Mast wiegt aber 18 Tonnen.

Trotz Fürsprache aller untergeordneten Instanzen wollte das Innenministerium den Antrag nicht bewilligen. „Wir konnten nicht nachvollziehen warum man in Europa und in der ganzen Welt Teleskopgelenkmastfahrzeuge einsetzt nur in Baden-Württemberg nicht“ sagt Bürgermeister Benitz. Stadt und Feuerwehr gingen durch alle politischen Instanzen und man bat die Entscheidungsträger auch zur Demonstration in die Altstadt von Staufen.

Durch Zugeständnisse bei der Beladung – 18 Tonnen Gesamtlast ist das unterste konstruktionsbedingt realisierbare Gewicht – und politischen Druck erteilte das Ministerium schließlich eine Ausnahmegenehmigung. Erst jetzt gab es den Zuschuss „keinen Zuschuss den man normalerweise für eine Drehleiter bekommt sondern einen reduzierten“ erklärt Schuhmann.

Iveco Magirus überzeugte beim Test und gab auch das wirtschaftlichste Angebot ab. Die Entscheidung gegen eine Drehleiter mit Gelenkarm (DLK GL) war letztlich eine Frage des Preises. Mit rund 540.000 Euro ist der Mast etwa 100.000 Euro günstiger als eine DLK GL.

Die nächste Herausforderung war die TÜV-Abnahme. Als weltweit bisher einzige Auslieferung unterzog der TÜV den ALP325 einer intensiven Überprüfung. So musste u.a. ein Kipptest durchgeführt werden der nach Aussage von Schuhmann „mit dem Mast eigentlich gar nichts zu tun“ hat. Der TKM musste nach der alten Drehleiternorm und der neuen EN geprüft werden. „Das widerspricht sich zum Teil“ sagt Schuhmann.

Ausbildung der Wehr am Fahrzeug

Zehn Leute meldeten sich für die Ausbildung die zum Teil vom Hersteller durchgeführt wurde. Von der Feuerwehr Walldorf übernahm die FF Staufen die Dienstvorschriften und den Ausbildungsplan. Inhaltlich orientierte sich die Ausbildung der Maschinisten an drei Blöcken: Zunächst musste den Maschinisten das technische Verständnis die Physik des Fahrzeuges und die reine Bedienung beigebracht werden. Dann galt es die Besonderheiten und Gefahren gegenüber einer Drehleiter zu vermitteln. Insbesondere der Knick erfordert hohe Aufmerksamkeit da man z.B. vom Leiterpark aus den Korb nicht immer sieht. Die praktische Anwendung der HAUS-Regel rundete die Ausbildung ab.

Beinahe wäre es bei der Ausbildung zu Verzögerungen gekommen da sich die Auslieferung aufgrund der TÜV-Prüfung verschob. Der Hersteller stellte für drei Wochen ein Vorführfahrzeug zur Verfügung. Inzwischen ist die Maschinistenausbildung abgeschlossen und man steckt in der Schulung der Atemschutzgeräteträger. Schuhmann ergänzt: „Das Lustige ist jetzt dass ich das Fahrzeug ohne Maschinistenlehrgang betreiben darf weil die Landesfeuerwehrschule den Maschinistenlehrgang für diese Gerät nicht anbietet.“

Aus vielen Aussagen spricht Stolz und Begeisterung über das neue Hubrettungsgerät. „Ich bin Späteinsteiger bei der Feuerwehr und war schon sehr stolz dass ich überhaupt mitfahren durfte aber dass ich es noch so weit bringen würde so ein gigantisches Fahrzeug fahren zu dürfen das hätte ich nicht geträumt. Da ist der Jugendtraum weit überstiegen worden“ erzählt ein Feuerwehrmann.

Was das Fahrzeug leistet

Der Drehkranz schwenkt nicht wie bei einer Drehleiter über Fahrzeukonturen hinaus und der Einstieg in den Korb ist schon in der Transportstellung möglich. Außerdem ist die Abstützung des Mastes innerhalb der Außenspiegelbreite.

Mit 400 Kilogramm Korbalst können bis zu vier Personen aufgenommen werden. Zusätzlich kann eine Arbeitsplattform heruntergeklappt werden die das Übersteigen erleichtert. Der Korb lässt sich ferner um 45 Grad neigen und der Korb kann fast immer parallel zum Fenster gefahren werden.

Die Abmessungen erlauben das Einschieben eines Rollstuhls. Eine Krankentrage kann sowohl auf dem Korb befestigt als auch eingeschoben werden – ohne das Platz für Maschinist und Notarzt verloren geht. Ausgestattet ist der Korb weiterhin mit einer Kamera zwei 1000 Watt-Strahler und zwei Xenon-Scheinwerfer D-Schnellangriffsschlauch mit Hohlstralrohr und einem fest installiertem Werfer (3600 l/min). Der Unterboden verfügt über zwei Selbstschutzdüsen.

Das Fahrzeug ist mit ABS ASR Schleuderketten beheizbarem Rückspiegel Rückfahrkamera Rückfahrscheinwerfer an den Außenspiegeln pneumatisch absenk- und hebbarem Fahrwerk und Windmesser am Korb ausgestattet. Gerade die Rückfahrkamera war gewöhnungsbedürftig wie ein Maschinist erzählt: „Was mich am Anfang etwas gestört hat war die Rückfahrkamera die macht auf dem Bildschirm das echte Bild und vom Rückwärtsfahren ist man gewohnt das Spiegelbild zu sehen. Das hat mich am Anfang total durcheinander gebracht.“

Der ALP bietet weiterhin einen automatisch aufklappenden Handlauf der Leiter am Gelenkarm 20 Meter Schnellangriffsleitung zwei Atemschutzgeräte in der Fahrerkabine Rollgliss Druckbelüfter 66kV A-Stromerzeuger Laser-Entfernungsmesser Fernotrage Elektro-Motorsäge Absperrmaterial Scheinwerfer und Kleinwerkzeug.

Der ehrwürdige Vorläufer

Neu ist den Verantwortlichen der 1861 gegründeten Feuerwehr das Gefahrenpotenzial nicht. Schon 1903 schaffte die Freiwillige Feuerwehr eine Holzleiter an um den schwierigen Gegebenheiten gerecht zu werden. Im Landkreis war es damals die erste Leiter. Andere Feuerwehren ließen sich die Technik vorführen und übernahmen Philosophie und Ausbildung. „Die waren damals schon richtig fit. Die haben eigentlich die Problematik damals schon erkannt“ erzählt Schuhmann.

Die Holzleiter war bis 1970 im Einsatz. Ein ehemaliger Gerätewart erinnert sich daran die Holzleiter zwischen 1968 und 1970 zweimal im Einsatz gesehen zu haben auch wenn das „auf eigene Verantwortung“ erfolgte. TÜV hatte das Gerät bis in die 1980er Jahre. Eine Restaurierung erfolgte in Teilschritten in den 1990er Jahren. Aber so erzählt Wolfgang Schuhmann „die alte Holzleiter ist für uns eigentlich immer noch im Einsatz. Jedes Jahr zur Fasnachtseröffnung wird das Rathaus mit der Leiter gestürmt. Deshalb ist sie auch noch funktionsfähig und gut in Schuss.“

Technische Daten

Fahrgestell:Mercedes-Benz Econic 1833
Motor: 6-Zylinder-Diesel 330 PS
Getriebe: Allison 5-Gang-Automatik
Höchstgeschw.: 100 km/h
Abmessungen: 9850 / 2500 / 3300 mm
Radstand: 4800 mm
Zul. Ges.-gewicht: 18.000 Kilogramm
Besatzung: 3 Mann
Aufbauhersteller: Iveco Magirus
Baujahr: 2006

Eine zufriedene Wehr

Auch die übrige Ausstattung der Feuerwehr kann sich sehen lassen. Die 100 Aktiven in den drei Abteilungen können auf zehn Fahrzeuge zurückgreifen. Außer über den TKM 23/12 verfügt die Feuerwehr in Staufen über einen ELW ein TLF 16/25 ein LF 16/12 einen SW 2000 (Bund) sowie verschiedene Anhänger. Der MTW ging vor kurzem kaputt und wird durch ein Gebrauchtfahrzeug ersetzt. Am Standort im Ortsteil Grunern steht ein TSF und ein MTW im Ortsteil Wettelbrunn außerdem ein TLF 16/25 und ein MTW. Die MTWs wurden aus der Kameradschaftskasse finanziert.


Berühmter Einwohner
Faust genauer Johann Georg Faust jener sagenumwobene Alchimist und Magier ist der berühmteste Einwohner der Stadt Staufen. Er starb hier vor etwa 500 Jahren. Dokotor Faust gilt als Inbegriff des nach letzter Erkenntnis strebenden Menschen. Christopher Marlowe und Johann Wolfgang Goethe nahmen Faust als historisches Vorbild für ihre Dramen.


Im Jahresmittel kommt die Wehr auf etwa 100 Einsätze. Alarmiert wird die FF Staufen über die Leitstelle bei der Berufsfeuerwehr Freiburg. Pressesprecher Rainer Brinkmann geht aber davon aus dass „man durch den Rettungsdienst stärker eingebunden wird“ da der TKM zur Personenrettung aus hohen Stockwerken geeignet ist.

Übrigens den ersten Einsatz hat der ALP 325 schon hinter sich: Bei einem Sturm am 3. Oktober setzte man ihn zum „Bäume schneiden“ ein die so genannte „Baumtaufe“ wie der Kommandant sagt.

  • Bei Flickr gibt es eine Bilderstrecke mit ausgewählten Bildern vom Besuch bei der FF Staufen (79 Bilder).
  • Ein leicht geändertes PDF-Dokument dieses Berichtes gibt es hier.
  • Die FF Staufen ist auch im Internet vertreten.
  • Dieser Artikel ist eine leicht korrigierte Wiederveröffentlichung einer Reportage die im Oktober 2006 im Feuerwehr Weblog erschien.

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