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Anmerkung: aus aktuellem Anlass habe ich diesen Artikel den ich im März 2005 im Feuerwehr Weblog geschrieben hatte hier nochmal reingenommen. Mein Appell: PowerPoint ist eine Präsentationsoftware und nichts anderes! Auch bei Feuerwehren werden die armen Zuseher durch viel zu lange unübersichtliche und überhaupt fürchterliche Präsentationen gequält. 

Der Fluch des PowerPoint 

Gleich mal vorneweg: PowerPoint ist eine gute Sache – insofern
es richtig angewendet wird. 9999% der Präsentationen können jedoch
getrost als Vergewaltigung a) des Programms und b) der Zuschauer/
Zuhörer/ Leser bezeichnet werden.

Dies gilt gleichermassen für Unternehmen und bei der Feuerwehr: in
beiden Fällen möchte man zu einem bestimmten Thema vortragen und
überzeugen.

Es gibt aber nichts schlimmeres als in einer Präsentation zu schmoren
wo ein gelangweilter Moderator von den Folien runterliest.

Nachfolgender Artikel ist zwar aus einer gewissen Unternehmenssicht
heraus geschrieben gilt aber natürlich auch für die Feuerwehr.
Schliesslich nutzt man seine erworbenen Fähigkeiten gleichermassen in
beiden Bereichen.

 

powerpoint

 

 

Die Diskussion um Sinn oder Unsinn dieser Software kocht in periodischen Abständen wieder hoch. So auch bei Wired.com wo Edward Tutfe munteres "PP-Bashing" betrieb. David Byrne (ex-Talking Heads) macht richtige Folienkunst und abstrahiert Präsentationen durch Überspitzung vollends ("Learning to Love PowerPoint").

Kunst hat ja die Eigenschaft der Menschheit durch übertriebene
Darstellung von Themen einen Spiegel vorzuhalten; die Hoffnung ist
durch Provokation und Übertreibung ein wenig zum Nachdenken zu bewegen.

 

powerpoint

 

 

Nur ist es leider so daß die "Corporate Bots" (sprich:
schlipstragende Dokumentengeneratoren) gar nicht darauf kommen ein
wenig nachzudenken. Dies mag sicherlich an der automatisierten Normung
ihres Umfeldes liegen.

Besagte Corporate Bots sind bei weitem die größte Nutzergruppe.
PowerPoint findet sogar im Privatleben (Sarah Wyndham aus
Virginia hielt ihren Töchtern eine Präsentation zu "Ordnung im Haus")
Einzug auch bei Vereinen und sonstigen Gemeinschaften.

Richtig verwendet sind Folien eine Begleitung von ausgeschriebenen
Dokumenten und werden für eine Präsentation meistens über Beamer
genutzt. Diese Folien führen die wesentlichen beziehungsweise
kritischen Punkte und dienen der Vermittlung der Inhalte aus dem
Vortrag. Nicht mehr oder nicht weniger – außer man heißt David Byrne.

Mit Bezug auf oben genannte "automatisierte Normung" im Berufsumfeld
läßt sich jedoch feststellen daß PowerPoint inzwischen als einziges
Dokumentengenerierungstool Verwendung findet. Word stirbt aus.

Zeit ist kostbar also möchte man a) selbst so viel Inhalt in
möglichst wenig Zeit vermitteln und b) dem Leser genau das gleiche
antun. Deshalb verfällt man schnell dem sirenenhaften Reiz der
"Kugelpunkte" oder "Bullet Points".

Eine Frage stellt sich hier: hat man zuerst angefangen in "Bullet
Points" zu denken und PowerPoint angepaßt oder war's anders rum?

Egal. Wir denken und schreiben nur noch in "Bullet Points" – auch
Word-Dokumente. Prosa stirbt aus. Es kann von Niemandem erwartet werden
auf Günther Grass-Niveau unterwegs zu sein. Aber ein wenig schreiben
sollte man schon können; und genau diese Fähigkeit geht allmählich verloren.

Jedenfalls liefern wir inzwischen Vorschläge Strukturierungen
Projektpläne Kommentare Vorstandsvorlagen ja sogar Verträge
inklusive LoI und MoU in PowerPoint ab. Man erstellt Ausschreibungen
und holt sich sonstige Angebote rein. Man produziert nicht für den
Beamer sondern für den Drucker.

 

powerpoint 

 

Dabei vergisst man ganz gerne auch wenn der Inhalt sich auf einige
wenige Punkte reduziert daß der Leser trotzdem anders denkt.
Herleitungen und Beschreibungen finden in Folien keinen Platz somit
ist weiterer Klärungsbedarf fast vorprogrammiert. Doch fragt auch
keiner mehr nach aus Scham oder Faulheit. Redundanz entsteht.

So ein Dokument ist schon praktisch: man kann damit sogar auch
präsentieren. Egal ob man schon – weil die Folie vollgepackt ist – ab
2 Meter Abstand schon gar nix mehr sieht. Und so braucht man nur noch
die Projektion vorlesen. Hat zwar mit Präsentation(sfähigkeit) wenig zu
tun aber es ist OK wenn keiner draufkommt. Wäre auch zu viel Arbeit
ein Dokument richtig auszuschreiben und dazu noch eine Präsentation zu
erstellen.

Dass man aber den Zuseher überfordert ist auch egal. Und um ja
sicher zu gehen dass überhaupt nichts mehr verstanden wird packt man die
Präsentation voll mit unsäglichen Animationen Cliparts und Folienübergangen. Ganz Hardcore sind Geräusche.

Was für ein Anblick wenn der Präsentierende vor lauter
auf-rechts-Pfeil-einhacken begleitet von "Laser-" und
"Pistolengeräusche" nichts inhaltliches rüberbringt. Das ist ja die
Gefahr: man lenkt ab vom Inhalt. Oft ist das gar nicht mal so schlecht
denn man hat auch das Präsentieren verlernt. Dann darf die Präsentation
auch mal 3-4 Stunden dauern obwohl der Mensch erwiesenermassen eine
Aufmerksamkeitsspanne von ca. 20 Minuten hat.

Eines sollte noch erwähnt werden: PowerPoint ist ein Corporate
Identity-Torpedo. Ich denke die meisten größeren Unternehmen werden
ihren Mitarbeitern erscheinungskonforme Templates (Schablonen) zur
Verfügung stellen. Das reicht jedoch nicht! Die Steuerung sollte auch
auf die Inhaltsgestaltung und Präsentationsweise ausgedehnt werden.

 

powerpoint

 

 

Was in der Realität passiert ist lustig-traurig: Innerhalb der
gleichen Veranstaltung präsentieren mehrere Mitarbeiter eines
Unternehmens völlig verschiedene Layouts. Einen Teil zum Unheil tragen
die Unternehmen selbst bei. Hausfonts die für Print eher geeignet sind
sollten wirklich nicht der Darstellungswillkür eines Computers
überlassen werden. Und Hausfonts die nicht zum Systemstandard gehören
werden auf fremden Computern sowieso ganz komisch dargestellt.

Das Fazit? Ich habe es Eingangs erwähnt: PowerPoint sinnvoll
angewendet ist eine super Sache. Hier geht es aber eigentlich nicht um
die Software sondern um die Anwender (oder "Generatoren") und das
Umfeld das diese Auswucherungen überhaupt möglich macht. Unternehmen
sollten sich am Schopfe packen und eine richtige Präsentationskultur
wieder einführen! Und erwarten können daß die Mitarbeiter halbwegs
ordentliche Texte verfassen.

Für diejenigen die lieber in Stichpunkten lesen hier eine zusammenfassende Checkliste:

  • Aufmerksamkeitsspanne der Zuhörer: 20 Minuten
  • PowerPoint ist kein Word-Ersatz
  • Vorsicht bei "Stichpunkten": Können die Zuhörer der Argumentation folgen?
  • Folien schön sauber halten: nicht überfrachten! Schwarzer Text auf weissem Hintergrund
  • Einfaches Layout damit man auch in der zehnten Reihe etwas lesen kann
  • Keine Animationen! Keine Folienübergänge
  • Mglichst kein Clipart!
  • Keine interaktiven Elemente!
  • Wenn zwischendurch ein Film vorgeführt werden soll: ruhig
    PowerPoint zumachen / in den Hintergrund tun und Film über Media Player
    aufruen
  • Pausen einbauen Titelfolien bei Themenwechsel einbauen

***

Abhandlungen zu PowerPoint:

Absolute Powerpoint
Is PowerPoint the devil?

Aus Letzterem ein sehr schönes Zitat:

PowerPoint doesn't teach children to make an
argument. It teaches them to make a point which is quite a different
thing. It encourages presentation not conversation. Students grow
accustomed to not being challenged. A strong presentation is designed
to close down debate rather than open it up

Mit PowerPoint lernen Kinder nicht ein Argument zu
entwickeln. Sie lernen ein Argument aufzulisten: das ist etwas völlig
anderes. Es ermutigt zur Präsentation nicht zum Dialog. Schüler
gewöhnen sich daran nicht hinterfragt zu werden. Eine starke und gute
Präsentation dient dazu Debatten eher zu vermeiden als sie zu fördern.

***
Sehr empfehlenswert:

Abraham Lincoln's Gettysburg Address [wikipedia] muss jedes Schulkind in Amerika lernen.

Die gibt's auch als "Gettysburg PowerPoint-Präsentation"

 

 

 

 

 

 

 

Kommentare

4 Kommentare zu “Der Fluch des PowerPoint” (davon )

  1. martien am 30. Januar 2008 19:55

    Bei uns in der Uni wird PowerPoint teilweise auch sinnvoll genutzt: der Professor zeigt Diagramme und Strukturen, für die er sonst 20 minuten malen los wäre.

  2. christian_kopp am 8. Februar 2008 19:14

    Ich füge dieser etwas holprigen Übersetzung des Zitats mal eine hinzu:

    „PowerPoint bringt Kindern nicht bei, einen Streit zu führen. Es bringt ihnen bei, Aussagen zu machen – das ist etwas völlig Anderes. Es fördert die Darstellung, nicht das Gespräch. Schüler gewöhnen sich daran, nicht gefordert zu werden. Eine gute Präsentation soll Diskussionen beenden, nicht eröffnen.“

    Leider zieht sich sich der bemängelte sprachliche Verfall auch durch den Artikel selbst. Ironie?

  3. Die besten Präsis der Welt : FWnetz - Feuerwehr im Netz am 3. September 2008 11:52

    […] Es gibt wenig, was mich mehr auf die Palme bringt als miese Vorträge, begleitet von einer miesen PowerPoint-Präsentation. Die Krönung ist eine […]

  4. Euer Feuerwehr-Video-Favorit gesucht : FWnetz - Feuerwehr im Netz am 8. September 2008 14:41

    […] Bildern beispielsweise für Ausbildungszwecke einzudecken. Die kleinen Filme können dann z.B. in PowerPoint weiterverarbeitet und dann gezeigt […]

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