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(sc). Symbolisch übergab Christoph Unger, Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz- und Katastrophenhilfe, am Eröffnungstag der FLORIAN Baden-Württembergs Innenminster Heribert Rech den ersten Notfall-Krankentransportwagen (KTW) des Bundes. Das Fahrzeug dient als Ergänzung des Katastrophenschutz sowie dem Bund im Rahmen des Zivilschutzes. Das FWnetz nimmt das als Grund, einen genaueren Blick auf das Ausstattungskonzept und dessen Ursprung zu werfen.

Abb. 001: Heribert Rech kommentierte die Übergabe des KTW nicht ohne Ironie: „Wenn es etwas gibt, und dann noch vom Bund, komme ich persönlich.“ Ohne Ironie deshalb, weil Baden-Württemberg als erstes Bundesland in den nächsten Wochen die ersten acht Fahrzeuge der ersten Auslieferungsserie erhält. Noch aus einem zweiten Grund ist die Aussage nicht ohne Ironie, denn Bund und Länder stritten lange um diesen Beitrag des Bundes für den Bevölkerungsschutz. Foto: Cimander/fwnetz.

Der Notfall-Krankentransportwagen en Detail

Die Besonderheit dieses Notfall-Krankentransportwagen (KTW) Typ B(1) ist die Ausstattung mit zwei Patiententragen. Dies erlaubt den Transport und die Erstversorgung von zwei Verletzten oder Erkrankten. Als KTW-2 ist das Fahrzeug direkter Nachfolger des KTW-4. Der Notfall-KTW führt die Sanitätsausstattung nach EN 1789 mit: Fahrtrage Stollenwerk inklusive Nottrage, Schaufeltrage, Vakuummatratze und Krankentragestuhl sowie spezielle Katastrophenschutzausrüstung. Weiterhin befindet sich ein pneumatisch gedämpfter Ambulanztisch vom Typ Hydropuls Komfort an Bord. Der Tragetisch selbst hält 250 Kilogramm aus. Die zweite Trage ist seitlich verstaut und kann bei Bedarf einfach heruntergeklappt werden.

Abb. 002ab: Der Bund will in den nächsten zehn Jahren 488 Notfall-Krankentransportwagen (KTW) Typ B den Ländern übergeben. Foto: BBK

Daneben verfügt der Notfall-KTW über einen Trennwandschrank, der einen Apotherkerauszug, ein Medikamentenfach, ein Schubladenschrank, eine Thermobox, einen Schrank für Notfallrucksäcke inklusive Handwaschgelegenheit und ein Trennwandstaufach enthält. Hinten links befindet sich ein Hochschrank für Sauerstoff, zusätzlich sind Halterungen für die mitgeführte Vakuummatratze, Schaufeltrage und den Krankentragestuhl vorhanden. Im Aufbau können – sofern nur eine Krankentrage in Verwendung – zwei Begleitersitze besetzt werden. Die Decke ist mit einem Infusionshalter versehen. Die seitliche Schiebetür ist außerdem mit einer mechanischen Einstiegshilfe versehen, zusätzlich verfügt der Aufbau über eine Dachluke. Im Patientenraum besteht die Möglichkeit medizintechnische Geräte nach DIN EN 1789, wie z.B. EKG oder Defibrilator anzuschließen.

Abb. 003: Blick in den Aufbau des neuen Notfall-KTW Typ B für den Bevölkerungsschutz. Foto: Cimander/fwnetz.

Abb. 004: Fahrtrage Stollenwerk inklusive Nottrage auf einem pneumatisch gedämpften Ambulanztisch vom Typ Hydropuls Komfort im Notfall-KTW Typ B. Foto: Cimander/fwnetz.

„Theoretisch ist der Notfall-KTW Typ B ein RTW wenn das entsprechende medizinische Gerät mitgeführt wird“ stellt Karl-Heinz Tolkamp klar. Letztlich liegt das aber an der Organisation, ob sie den Platz für ergänzende Ausrüstung nutzen will. Der Bund legte bei der Beschaffung großen Wert auf den täglichen Nutzen für die Hilfsorganisation, erklärte Karl-Heinz Tolkamp vom Aufbauhersteller WAS. Hinter diesem Ansinnen steht jedoch kein Altruismus, sondern die Konzeption des integrierten Gefahrenabwehrsystems.

WAS und Binz bauten das Dieselfahrzeug auf einem 3,88 Tonnen schweren Mercedes-Benz Sprinter 315 CDI mit verstärkter Vorderachse, einem 6-Gang Schaltgetriebe und einer Motorleistung von 110 KW auf. Das Fahrzeug hat einen Radstand von 3.665 Milimeter. Als Warnanlage wird Hänsch DBS 2000 eingesetzt. Das speziell für den ergänzenden Katastrophenschutz bzw. den Zivilschutz entwickelte, ca. 70 bis 75.000 Euro teure Fahrzeug gibt es auf dem Markt nicht als Serienfahrzeug zu kaufen. Die erwartete Lebensdauer gibt das BBK mit zwanzig bis fünfungzwanzig Jahren an.

Abb. 005: Die zweite Trage ist im Notfall-KTW seitlich verstaut und kann bei Bedarf einfach heruntergeklappt werden. Foto: Cimander/fwnetz.

Abb. 006a: Heruntergeklapptes Gestell für die zweite Trage. Foto: Cimander/fwnetz.

Abb. 006b: So sieht der KTW-2 aus, wenn beide Tragen einsatzbereit sind. Foto: Cimander/fwnetz.

Abb. 006c: Beide Patienten liegen nahezu auf gleicher Höhe in dem KTW-2. Foto: Cimander/fwnetz.

Abb. 006d: So sieht der KTW-2 aus, wenn beide Tragen heruntegeklappt sind. Foto: Cimander/fwnetz.

Insgesamt sollen 488 Notfall-KTW an die Länder übergeben werden, davon alleine 230 bis Ende 2010. Die Länder ihrerseits verteilen nach einem bestimmten Schlüssel auf die Regierungsbezirke, die es dann nach unten weitergeben.

Video: Interview mit Karsten Mälchers, BBK

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Ausstattungs- und Gefahrenabwehrkonzept

Das neue Ausstattungskonzept des Bundes setzt sich aus so genannten Kernelementen für besondere Gefahrenlagen und der Unterstützungskomponente zusammen. Für beide Komponenten sollen in den nächsten zehn Jahren für 558 Millionen Euro etwa 5.036 Fahrzeuge bereitgestellt werden, davon entfallen 2.237 Fahrzeuge auf die Kernkomponente, 2.799 Fahrzeuge auf die Unterstützungskomponente. Das Programm umfasst keineswegs nur Neufahrzeuge: ältere Fahrzeuge, die umgerüstet werden können, fallen auch unter die Investitionen des Bundes. Hintergrund der Beschaffung ist § 12 des Zivilschutzgesetzes, der besagt, dass der Bund den Katastrophenschutz der Länder in den Aufgabenbereichen Brandschutz, Betreuung, ABC- und Sanitätswesen ergänzt – aber nicht komplett stellt!

Kernelemente ATF und MTF

Die Kernelemente bestehen aus einer standardisierten Ausstattung für CBRN-Gefahrenlagen(2) und umfasst die qualifizierte CBRN Erkundung und Messleitung, die Dekontamination von Personen sowie der Analytischen Task Force (ATF) zur Unterstützung der örtlichen Einsatzleitung mit Fachwissenschaftlern und Spezialmesstechnik bei komplexen CBRN-Lagen.

Die elf ATF werden nach strategischen Gesichtspunkten im Bundesgebiet verteilt, befinden sich aber in kommunaler oder Landesträgerschaft. Der Bund stellt für diese überörtlichen Spezialfähigkeiten besonderes Gerät zur Verfügung.

Abb. 007: Die ATF versteht sich als oberste Stufe eines Drei-Ebenen-Systems, das außerdem aus den ABC-ErkKW und Dekon-P Fahrzeugen in der Fläche (unterstes Stufe) und den zusätzlichen Einheiten an Gefahrenschwerpunkten besteht. Mit dem ATF ist Spezialwissen also überörtlich organisiert, während Basiswissen flächendeckend vorgehalten wird. Grafik: BBK

Daneben beschafft der Bund neben ergänzenden Geräten jeweils 450 ABC-Erkundungskraftwagen (ABC-ErkKW) und Dekontaminationsfahrzeuge (Dekon-P) für die Fläche und zusätzlich jeweils 50 Fahrzeuge für Gefahrenschwerpunkte und weitere ergänzende Ausstattung – sofern diese nicht schon beschafft sind! So erhalten die derzeit bestehenden 376 ABC-ErkKW ein Upgrade, was Software und Rechnerleistung angeht.

Die 100 Messleitkomponenten (MLK) sind als mobile Auswertestation gedacht und führen bis zu fünf ABC-ErkKW. Die MLK wertet und bewertet die Daten und gibt sie an die zuständige Einsatzleitung weiter. Dazu verfügen die MLK über die entsprechende Rechnerkapazität und Anbindung an Gefahrgutdatenbanken und einsatzrelevante externe Informationsquellen. Durch ihre Mobilität ist sichergestellt, dass die MLK flexibel reagieren können, aber auch in Funkreichweite der ABC-ErkKW bleiben. Ob die MLK in Form eines Fahrzeuges bzw. als „Kofferlösung“ ausgeführt werden wird, ist derzeit Gegenstand einer Machbarkeitsuntersuchung.(3)

Abb. 008: Die Grafik verdeutlicht das Zusammenspiel der Komponenten der verschiedenen Stufen und zeigt auch die zeitliche Verfügbarkeit. Grafik: BBK.

Abb. 009: Die Grafik zeigt die Einbindung der CBRN-Komponenten und der ATF an einer Einsatzstelle. Grafik: BBK.

Die Medizinische Task Force (MTF) dient der Unterstützung bei der Bewältigung eines Massenanfalls Verletzter. Der Bund stellt dazu den örtlichen Trägern des Rettungsdienstes bzw. den Sanitäts-/Betreuungszügen ergänzendes Material zur Verfügung, das die Einheiten befähigen soll mindestens auf der Versorgungsstufe 3 zu arbeiten. Die MTF soll 61 Bereitstellungsräume umfassen, das Material ist jedoch nicht zentralisiert vorzuhalten, sodass die Länder Geräte dislozieren können.

Abb. 010: Helfer- und Fahrzeugausstattung der MTF im Überblick. Tabelle: BBK

Abb. 011: Einsatzräume der MTF in Deutschland. Grafik: BBK

Die MTF ist modular aufgebaut und umfasst die Module Führung, Behandlung, Dekontamination Verletzter, Logistik/Betreuung und Transport. So stellt das Modul Transport Transportmöglichkeiten für 12 Patienten in 6 KTW Typ B zur Verfügung. Die Zuteilung der neuen KTW als Kern- oder Unterstützungskomponente ist aber abhängig von bereits vorhandenem Gerät, gleiches gilt für die weiteren benötigten Fahrzeuge.

Unterstützungskomponente des Bundes

Zusätzlich zu den Fahrzeugen und Geräten für die Kernelemente, stellt der Bund „aus gesamtstaatlicher Verantwortung für den Bevölkerungsschutz“ als so genannte Unterstützungskomponente ergänzende 2.799 Einsatzfahrzeuge in den Bereichen Brandschutz, Sanität, Betreuung und weitere Krankentransportwagen bereit (Löschgruppenfahrzeuge, Gerätewagen Logistik Wasserversorgung, Gerätewagen Betreuung, Betreuungs-Kombi)(4).

Abb. 012: Beispiel für einen ABC-ErkKW auf FIAT Ducato aus der letzten Auslieferungsserie 2002 des Katastrophenschutz der Stadt Freiburg. Foto: Cimander/fwnetz.

Die Bundesländer haben die Möglichkeit aus diesem Pool standardisierter Fahrzeuge die ihrem Bedarf entsprechenden Fahrzeuge auszuwählen, während die Verteilung der Fahrzeuge aus dem Kernelement auf die Länder ohne Änderungsmöglichkeiten festgelegt ist. Das heißt, das entsprechend dem länderspezifischen Bedarf gegen andere Fahrzeuge aus dem Gesamtangebot an Katastrophenschutzfahrzeugen des Bundes eingetauscht werden kann. Beliebig viele Fahrzeuge dürfen sich die Länder jedoch nicht aussuchen, denn für die zusätzlichen Ausstattung darf das zustehende Finanzvolumen nicht überschritten werden. Um jedoch diese „Wahlrecht“ ausüben zu können, müssen die Länder zumindest die Eckpunkte ihres Katastrophenschutzkonzeptes festlegen.

Abb. 013a: Beispiel für ein kommunal entwickeltes LF 16-TS der Stadt Düsseldorf, das als Vorlage für die LF 16-TS des Ausstattungskonzeptes des Bundes dient. Foto: Irakli West/fwnetz.

Abb. 013b: Beispiel für ein LF 16-TS aus einer älteren Auslieferungsserie des Bundes in den 1980er Jahren. Foto: Christain Lewalter.

Abb. 014: Prototyp eines Dekon-P des Bundes auf Basis eines MAN TGM 18.280, 4x4 BB mit Aufbau von EMPL, ausgestellt auf der RETTmobil 2008. Das Gesamtgewicht beträgt 10,5 Tonnen. Das Fahrzeug verfügt über sechs Sitzplätze. Foto: Carlo Scheppers.

Katastrophenschutz und Zivilschutz

Der Notfall-KTW und andere Fahrzeuge sind Teil der Ergänzung des Katastrophenschutzes der Länder durch den Bund. Um das zu erklären, muss man folgendes wissen: Gefahrenabwehr im Katastrophenfall ist gemäß Artikel 70 GG Aufgabe der Länder, der Bund hat jedoch nach Artikel 73 Abs. 1 Nr. 1 GG die Gesetzgebungskompetenz für den Schutz der Zivilbevölkerung im Verteidigungsfall.

Der verfassungsgeschichtliche Hintergrund dieser Konzeption ist einfach: Die Verfassungsväter wollten vor dem Hintergrund der von den Nationalsozialisten missbrauchten Weimarer Verfassung, der Bundesgewalt nicht zu viel Macht einräumen, weshalb der Bund, grob gesprochen, für die Angelegenheiten nach außen, und die Länder für die Angelegenheiten nach innen zuständig sein sollten. Während in anderen Ländern Katastrophen- und Zivilschutz deckungsgleich sind, entstand so in der Bundesrepublik ein administrativer Dualismus zwischen Zivilschutz/Krieg (Bund) und Katastrophenschutz/Frieden (Bundesländer).

Um seiner verfassungsrechtlichen Pflicht nachzukommen musste der Bund mit dem Beginn der Wiederbewaffnung der jungen Bundesrepublik den Zivilschutz aufbauen. Dazu verabschiedete der Bundestag 1957 das „Erste Gesetz über Maßnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung“. Dieser bestand u.a. aus dem Warndienst, dem Selbstschutz, aber auch aus dem Luftschutzhilfsdienst (LSHD), der nach einem kriegerischen Angriff der Zivilbevölkerung hätte Hilfe leisten sollen.

Zivilschutz: Parallele Strukturen scheitern

Der LSHD baute beispielsweise im Bereich Brandschutz oder Sanitätswesen parallele Strukturen zu bestehenden Hilfsorganisationen wie den Feuerwehren oder dem Deutschen Roten Kreuz auf. Während das Technische Hilfswerk (THW) als Bundesorganisation durchaus im (friedensmäßigen) Katastrophenfall eingesetzt werden konnte,(5) durfte der LSHD qua Gesetz nur im kriegerischen (!) Katastrophenfall als Ergänzung eingesetzt werden.

Abb. 015: v.l.n.r. Das erste Zivilschutzzeichen in der Bundesrepublik behielt bis 1982 Gültigkeit (Mitte). Parallel dazu gab es das ZB-Zeichen, das für Einheiten des LSHD benutzt wurde. ZB für 'Zivilen Bevölkerungsschutz'. 1982 folgte ein neues Zeichen (rechts). Quelle: BBK/Montage: sc.

Zugleich waren, qua besserer technischer Ausstattung und besserer Ausbildung, viele Helfer der friedensmäßigen Hilfsorganisationen Mitglied der LSHD-Einheiten, sodass im Kriegsfall der LSHD die Hilfsorganisationen nicht hätte unterstützen können, weil das Personal ganz einfach gefehlt hätte. Dieser Umstand, die räumlich problematische Aufstellung der Einheiten und enorme finanzielle Kosten führten mit dem Beginn der Entspannung (umgangssprachlich „Ende des 1. Kalten Krieges“) zwischen den antagonistischen Machtblöcken zu einem Neuansatz.

Neuansatz: Erweiterung des Katastrophenschutzes

Dieser Neuansatz nannte sich „erweiterter Katastrophenschutz“ und löste 1972 die parallelen Hilfeleistungssysteme ab.(6) 1968 verabschiedete der Bundestag mit dem „Gesetz über die Erweiterung des Katastrophenschutzes“ die Grundlage dafür. Der Bund griff darin zu einem Trick: Er stellte – unter Annahme einer vorhandenen Katastrophenschutzorganisation – den Ländern u.a. Fahrzeuge zur Verfügung, die diese auch im friedensmäßigen Katastrophenschutz einsetzen konnten, dafür sollten dem Bund im Verteidigungsfall diese Einheiten und das zugehörige Personal zur Verfügung stehen. Die Erweiterung des Katastrophenschutzes war damit nichts weniger als eine Zivilschutzkomponente, weil die friedensmäßige Gefahrenabwehr nur mit dem verteidigungsfallorientiertem Zivilschutz verschmolzen war. (7)

Der erweiterte Katastrophenschutz schaffte das Prinzip überörtlicher Einheiten ab und basierte auf dem flächendeckenden Prinzip. Beides, das Flächenprinzip und die Annahme einer vorhandenen Katastrophenschutzorganisation in den Ländern sollte in den 1990er Jahren mit dem Rückzug des Bundes aus der Erweiterung des Katastrophenschutz zu einem Problem werden.

Der Bund zieht sich zurück

So lange der Systemantagonismus zwischen dem kapitalistischen „Westen“ und dem kommunistischen „Osten“ bestand, ließ es sich für die Bundesländer gut mit der vom Bund beschafften – de jure erweiterten – Ausstattung leben, brauchten die Länder doch nicht selbst das erforderliche Gerät für „ihren“ Katastrophenschutz beschaffen. So kam es, dass Einheiten des Katastrophenschutzes – darunter auch die Feuerwehren – de facto zu großen Teilen auf Bundesmaterial (=Zivilschutz) basierten („Erstangriffsfahrzeuge“). Ebenso erhielten Einheiten auf Grundlage des Flächenprinzips Fahrzuge, die sie nicht einsetzen konnten. Mit dem Rückzug des Bundes standen nun die Organisationen plötzlich ohne Fahrzeuge bzw. ohne die erwarteten Ersatzfahrzeuge da.

Paradigmenwechsel: Asymmetrische Kriegführung

Auch der Paradigmenwechsel hin zu den aus der asymmetrischen Kriegführung entstehenden Gefahren änderte zunächst grundsätzlich nichts an den Plänen des Bundes, sich komplett aus der erweiterten Ausstattung zurückziehen – auch wenn der Bund unmittelbar nach der Realisierung der neuen Gefahren im Jahre 2001 u.a. ABC-Erkunder und Dekon-Fahrzeuge als Ergänzung bereit stellte.

So sollte die Anzahl der Bundesfahrzeuge um circa 80 Prozent (Stand 1995) gekürzt und Brandschutzfahrzeuge überhaupt nicht mehr zur Verfügung gestellt werden. Der Bund wollte nur noch Vernetzungs- und Kommunikationsfunktionen wahrnehmen und sich auf Spezialfähigkeiten mit den Schwerpunkten ABC-Schutz und Bewältigung eines Massenanfalls von Verletzten konzentrieren. Dies führte auf Seiten der Länder zu heftigen Widerstand, denn jetzt wären die Länder in der Pflicht gewesen entweder das erforderliche Gerät für „ihren“ Katastrophenschutz zu beschaffen oder Einheiten aufzulösen.

Verkompliziert wurde das Ganze durch einen Kompetenzstreit zwischen Bund und Ländern über die Führung im Katastrophenfall. Grundsätzlich herrschte jedoch Einigkeit, dass Zivil- und Katastrophenschutz neu definiert und die rechtlichen Rahmenbedingungen angepasst werden müssen, also dass statt dem am V-Fall orientierten Zivilschutzgesetz, ein Bevölkerungsschutzgesetz zu schaffen sei.

Einigkeit über neues Ausstattungskonzept

2007 verständigten sich die Innenministerkonferenz und der Bund grundsätzlich auf ein neues Ausstattungskonzept, das, verglichen mit dem erweiterten Katastrophenschutz der 1980er bis 1990er Jahre, zwar deutlich kleiner ist, jedoch die vom Bund angekündigten Mittelkürzungen nicht in vollem Umfang realisierte. Das neue Konzept der Ergänzung – nicht mehr Erweiterung – kombiniert das Flächenprinzip mit dem Prinzip überörtlicher Einheiten. Basis der Vereinbarung ist die „Neue Strategie zum Schutz der Bevölkerung in Deutschland“.(8) Der Bund erhöht dazu seine finanziellen Mittel von rund 36 Millionen um 21 Millionen auf jährlich mindestens 57 Millionen Euro.

Quellen und Literatur:

  • Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (2008): Ergänzende Ausstattung des Bundes für den Katastrophenschutz. In: Bevölkerungsschutz, 52. Jg., Nr. 2, S. 2-3
  • Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe: Ergänzende Ausstattung des Bundes für den Katastrophenschutz
  • Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe: Kernelemente für besondere Gefahrenlagen. Standardisierte ergänzende Ausstattung für besondere Gefahrenlagen (CBRN-Lagen)
  • Krieg, Christ-Marai (2008): Medizinische Task Force (MTF).In: Bevölkerungsschutz, 52. Jg., Nr. 2, S. 4-6.
  • Landtag von Baden-Württemberg: Stellungnahme des Innenministeriums Kürzungen des Bundes beim Katastrophenschutz und die Folgen für das Land Baden-Württemberg vom 15.08.2007
  • Meyer-Teschendorf, Klaus (2007): Rechtsfortbildung im Bevölkerungsschutz. Zum Diskussionsstand zwischen Bund und Ländern. In: Bevölkerungsschutz, 51. Jg., Nr. 2, S. 23-30.
  • Trebbe, Roman (2008): Analytische Task Force (ATF). In: Bevölkerungsschutz, 52. Jg., Nr. 2, S. 7-14.

Fußnoten

(1) Wie viele Sachgebieten ist auch der Bereich Rettungsdienstausstattung der europäischen Normierung unterworfen. Um die verschiedenen Arten von Kranken- und Rettungswagen vom Norden bis in den Süden Europas unter ein Dach zu bringen, gilt seit einigen Jahren die DIN EN 1789, die „Krankenwagen“ in drei Klassen einteilt: Ein Krankentransportwagen (KTW) Typ A1 dient dem Transport eines Nicht-Notfallpatienten, während der Typ A2 dem Transport mehrere Nicht-Notfallpatienten dient. Der KTW Typ B ist ein so genannter Notfall-KTW, der Ausrüstung für Notfälle mitführt. Er entspricht in etwa dem klassichen „KTW „hochlang“. Schließlich gibt es den KTW Typ C, der in etwas einem RTW nach der alten DIN 75 080, Teil 2 entspricht, und u.a. EKG und Defibrilator mitführt. Vgl. dazu Helmut Pietschmann (2000): Krankenkraftwagen – Europäische Norm. In: BRANDschutz/Deutsche Feuerwehrzeitung, 53. Jg., Nr. 4, S. 345-347.

(2) CBRN steht für chemische, biologische, radiologischen und nukleare Gefahren

(3) Vergleichbar sind die MLK mit den im „alten“ erweiterten Katastrophenschutz / „alten“ Zivilschutz bestehenden BAMSt (Beobachtungs- und ABC-Meßstelle) bzw. AMASt (ABC-Melde- und Auswerte-Stelle).

(4) Angabe nach Deutscher Feuerwehrzeitung Juli 2007: 961 LF 10/6 und 450 Gerätewagen Logistik zur Wasserförderung

(5) Ja, sogar musste, galt es doch die Vorbehalte gegenüber dem als Nachfolgeorganisation der Technischen Nothilfe (TN) geltendem THW zu zerstreuen. Vgl. zur Geschichte der TN: Linhardt, Andreas (2006): Die Technische Nothilfe in der Weimarer Republik, Norderstedt., Vgl. zur Geschichte des THW: Wittling, Gernot (Hrsg.) (2000): Wir helfen. Das THW gestern – heute morgen.

(6) Nachdem der Aufbau LSHD in Deutschland nur schleppend voran ging, erließ der Bund Mitte der sechziger Jahre die gesetzliche Grundlage zur Schaffung eines kasernierten Zivilschutzkorps (ZSK) nach skandinavischem Vorbild – umgesetzt wurde das Konzept nie. Abgelöst wurde das ZSK durch die Erweiterung des Katastrophenschutzes.

(7) Vgl. Wendorf, Volker (1993): Zivilschutztruppen im Geschäftsbereich des BMI. Vorläufer – Entwicklung – Krise – Konsequenzen. Baden-Baden.

(8) Basis des Konzeptes zur Gefahrenabwehr ist die „Neue Strategie zum Schutz der Bevölkerung in Deutschland“, darin erklären Bund und Länder die gemeinsame Verantwortung für außergewöhnliche, großflächige oder national bedeutsame Gefahren- und Schadenlagen, wie Gefahren durch Naturkatastrophen, wie schwere Stürme/Orkane und Hochwasser, Gefahren durch schwere Verkehrsunfälle, z.B. mit Gefahrgut (Schiene, Straße, Wasser, Luft), Gefahren durch schwere industrielle Havarien (Kernkraftwerke, Chemie, Biotechnologien), Gefahren durch Massenerkrankungen (Seuchen etc.), Gefahren durch den internationalen Terrorismus. Bund und Länder wollen dabei im Sinne eines partnerschaftlichen Zusammenwirkens über föderale Grenzen hinweg agieren. Vgl. Bundesverwaltungsamt (Hrsg.) (2003): Neue Strategie zum Schutz der Bevölkerung in Deutschland. Bonn

Kommentare

5 Kommentare zu “Notfall-KTW als Teil des Ausstattungskonzeptes des Bundes” (davon )

  1. @fwnetz am 26. September 2008 11:49

    Reportage: Notfall-KTW http://tinyurl.com/4gamwl

  2. Kommentar: Führerscheinproblematik: Woher kommt sie? : FWnetz - Feuerwehr im Netz am 6. Dezember 2008 17:22

    […] – dies wird in einem ganz anderen Bereich zum größeren Problem: sieht man sich den aktuellen Bund-KTW an, wird man feststellen, dass er 3,8 Tonnen wiegt, und somit gleich FS C1 (Real: C) notwendig […]

  3. Ist denn heut`schon Weihnachten? /// DRK-Witten-Blog am 8. April 2009 14:52
  4. @galaxyquest am 28. Mai 2009 12:53

    Ist Rettungsdienst-Zeitschrift zu faul selber zu texten: http://tinyurl.com/qysx8l fast identischer Text im fwnetz http://tinyurl.com/4gamwl

  5. Terrex Katastrophenschutzübung | feuerwehrleben.de am 24. Juni 2012 21:06

    […] Notfall-KTW als Teil des Ausstattungskonzeptes des Bundes […]

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