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Oftmals stoßen engagierte Führungskräfte und Atemschutzausbilder auf gewisse Ablehnung seitens ihrer Vorgesetzten bzw. der „Geldgeber“ (Kommunen), wenn es darum geht, Realbrandausbildung für Atemschutzgeräteträger zu initiieren (und dementsprechend auch zu finanzieren). Dieser Artikel soll einige Punkte erläutern und somit als „Argumentationshilfe“ dienen, falls derartige Probleme auftreten, und natürlich auch Interessierten allgemeine Information zum Thema bieten.


Was ist Realbrandausbildung?

Unter Realbrandausbildung versteht man die moderne und notwendige Ausbildung von Atemschutzgeräteträgern in der Brandbekämpfung im Innenangriff.
Die Atemschutzgeräteträger (AGT) werden dabei mit echtem, realem Feuer (daher Realbrandausbildung) konfrontiert, um sie somit in möglichst realistischer Art und Weise bei gleichzeitiger Beibehaltung sicherer Bedingungen auf das vorzubereiten, was ihnen im realen Einsatz widerfahren könnte.

Atemschutzgeräteträger werden bei der Realbrandausbildung darin geschult, Brände in Räumen effektiv und sicher zu bekämpfen, Anzeichen für die weitere Entwicklung des Brandes zu erkennen und entsprechende Gegenmaßnahmen zu ergreifen sowie die Grenzen ihrer (Schutz-)ausrüstung kennen zu lernen und diese Grenzen zu respektieren.

Dazu lernen sie, wie sich ein Brand in einem Raum entwickelt, welche Gefahren bestehen (Phänomene der Schnellen Brandausbreitung) und wie die Feuerwehrangehörigen sich dagegen schützen können (Stichworte Rauchgaskühlung, Ventilation, Löschtechniken). Dadurch wird die Sicherheit der AGT extrem erhöht.

Realbrandausbildung, nach dem Vorbild des angloamerikanischen „Compartment Fire Behavior Training“ (CFBT) auch „Training für das Verhalten im Innenangriff“ (TVIA) genannt, wird zumeist in Gas- oder Feststoff-befeuerten Anlagen durchgeführt, die ortsfest installiert (Rauchdurchzündungsanlagen, Brandübungsanlagen, Brandhäuser) oder mobil, z.B. in Form von Sattelzuganhängern, konstruiert sein können.

Mobile gasbetriebene Anlage eines kommerziellen Anbieters (Foto: Verfasser)

Mobile gasbetriebene Anlage eines kommerziellen Anbieters (Foto: Verfasser)

Die Ausbildung in gasbefeuerten Anlagen hat dabei mehr die Schulung der korrekten Einsatztaktik und des allgemeinen Vorgehens zum Ziel, während es in feststoffbefeuerten Anlagen vornehmlich darum geht, die Entwicklung und Ausbreitung von Bränden kennenzulernen und das Erkennen von Gefahrzeichen zu trainieren.

Stationäre gasbetriebene Anlage (Foto: Feuerwehr Düsseldorf)

Stationäre gasbetriebene Anlage (Foto: Feuerwehr Düsseldorf)

Holzbefeuerte Rauchgasdurchzündungsanlage (Foto: Feuerwehr Düsseldorf)

Holzbefeuerte Rauchgasdurchzündungsanlage (Foto: Feuerwehr Düsseldorf)

Was ist Realbrandausbildung NICHT?
Bei professionell durchgeführter Realbrandausbildung geht es NICHT um eine „Action- oder Spaß-Veranstaltung“ für das Kind im Manne des Feuerwehrangehörigen und sie soll auch kein „Erträglichkeitstest“ für Ausrüstung und Teilnehmer sein, wodurch unnötig hoher Verschleiß an Ausrüstungsgegenständen entstehen würde und die AGT ggf. überfordert und gefährdet werden würden. Solche Praktiken sind unbedingt zu vermeiden und sollten auch seitens der Auszubildenden nicht toleriert werden.

Warum ist TVIA nötig?

Einsatzstruktur
Eine realistische Ausbildung in der Brandbekämpfung ist heute notwendiger denn je. Viele verschiedene Faktoren tragen dazu bei, dass AGT heute größeren Gefährdungen ausgesetzt sind wie noch vor sagen wir einmal 25 Jahren. Dazu trägt bei, dass zum einen die Anzahl der Brandeinsätze immer weiter zurückgeht, wodurch auch die Möglichkeit zum Sammeln von Erfahrungen naturgemäß abnimmt. Somit ist es also nicht mehr möglich, dass ein „learning by doing“ stattfinden und die Feuerwehrleute ihre Erfahrungen im Laufe der Zeit „on the job“ sammeln könnten.
Eine Auswertung statistischer Daten bestätigt diesen auch subjektiv oft auftretenden Eindruck: Zwar ist die Gesamtzahl aller Brandeinsätze über die Jahre relativ konstant geblieben und schwankt um ca. 205 000 Brandeinsätze pro Jahr in Deutschland, wenngleich in den letzten Jahren auch dort ein Trend zur Abnahme der Anzahl zu erkennen ist (mit Ausnahmen).

Davon abgesehen hat die Anzahl der Gesamteinsätze in den letzten Jahren stark zugenommen, wodurch relativ gesehen weniger Brände bekämpft werden, weniger Zeit auf die ursprüngliche „Kernkompetenz Brandbekämpfung“ verwendet wird und auch der einzelne Feuerwehrangehörige relativ betrachtet weniger Zeit damit verbringt, Erfahrungen im Bereich der Brandbekämpfung zu sammeln als früher. Dieser Trend ist weiter anhaltend; von ehemals annährend 25 % aller Einsätze (ohne Rettungsdienst u.ä.) ist der Anteil heute schon auf knapp über 15 % gefallen.

Bauweise und Materialien

Auch haben sich in den vergangenen Jahren die Bauweise der Gebäude und die generell verwendeten Materialien stark verändert. Energiesparmaßnahmen wie hoch wärmedämmende Fenster und Türen, verstärkte Isolierungen u.ä.m. führen dazu, dass sich Brände langsamer entwickeln. Dadurch kommt es heute im Gegensatz zu früher, wo sich das Feuer sehr schnell Ventilationswege durch gesprungene Fensterscheiben u.ä. geschaffen hat, nun verstärkt dazu, dass erst nach Eintreffen der Feuerwehr der Brand eskaliert und es zum Flashover kommt.

Gehen nun die AGT zur Brandbekämpfung in das Gebäude vor, können sie direkt mit dem eskalierenden Brand konfrontiert werden. Sind sie nicht darauf vorbereitet, kann es zu fatalen Auswirkungen wie unkontrollierter Ausbreitung des Brandes, schwersten Verbrennungen oder sogar Todesfällen bei den AGT kommen.

Auch der verstärkte Einsatz von Kunststoffen führt heute dazu, dass die Feuer „heißer“ brennen als früher: Kunststoffe, die heute in allen Lebensbereichen zum Einsatz kommen, haben eine viel höhere Wärmefreisetzungsrate als traditionelle Bau- und Nutzstoffe wie z.B. Holz. So besitzt z.B. Polyethen (PE) eine doppelt, Polystyrol (PS) eine bis zu 4-mal und Polypropylen (PP) über 4,5-mal so hohe Wärmefreisetzungsrate wie Holz.

Davon abgesehen entsteht beim Verbrennen von Kunststoff auch sehr viel mehr Rauch als bei der Verbrennung von Holz, was zu einer dreidimensionalen Gefährdung der AGT führt: Rauch ist im Hauptbestandteil unverbrannter Brennstoff, welcher somit großflächig um die AGT verteilt wird. Dabei besteht die latente Gefahr einer Durchzündung, die auftritt wenn das passende Luft-/Brennstoff-Gemisch erreicht ist; die nötige Zündtemperatur wird im Allgemeinen bereits vorhanden sein.

Und nun können Sie einmal überlegen, wie viel Prozent ihrer Wohnungseinrichtung heute bereits aus Kunststoff oder durch Kunststoff „veredelten“ Naturprodukten wie Holz besteht (zählen Sie dabei auch ruhig alle PCs, Fernseher, DVD-Rekorder, Stereoanlagen u.ä.m. dazu, die zum Großteil aus Kunststoff bestehen)…

Um diesen gestiegenen Gefährdungen der Feuerwehrangehörigen begegnen zu können und damit die Feuerwehr überhaupt noch in einem solch „feindlichen“ und gefährlichen Umfeld wie einer heutigen Wohnung im modernen Passivenergiehaus mit viel formschönem Plastik agieren und dort ggf. Personen retten kann, musste auch die Schutzkleidung der Feuerwehrangehörigen in den letzten Jahren entsprechend angepasst werden.

Die heutige Schutzkleidung für die Brandbekämpfung bietet einen zwar zeitlich begrenzten, aber recht guten Schutz gegen Wärme und Flammen, da es einsatztaktisch nötig sein kann, dass sich AGT in „warme“ (um nicht zu sagen heiße) Bereiche eines Gebäudes vorgehen müssen und es auch nicht auszuschließen ist, dass sie dabei von (Stich-)Flammen erfasst werden.

Aber der Umgang mit dieser PSA muss wie der Einsatz von jedem anderen Ausrüstungsgegenstand auch entsprechend geübt und trainiert werden, damit keine überzogenen Vorstellungen von der Schutzwirkung der Kleidung bei den AGT entstehen und sie sich nicht übermäßig in Gefahr bringen, weil sie sich darauf verlassen, dass „meine Schutzkleidung mich unsterblich“ macht. Auch dazu kann ein qualifiziertes TVIA beitragen und somit die Sicherheit der AGT erhöhen.

Nur adäquate Schutzkleidung kann bei Phänomenen der Schnellen Brandausbreitung Schutz bieten (Foto: Glen Ellman)

Nur adäquate Schutzkleidung kann bei Phänomenen der Schnellen Brandausbreitung Schutz bieten (Foto: Glen Ellman)


Erwartungshaltung

Davon ab herrscht heute auch eine andere Erwartungshaltung der Bevölkerung an die Feuerwehr wie früher. War es früher noch akzeptabel, den Brand auf das Ursprungsgebäude zu begrenzen und ein Übergreifen auf Nachbargebäude im Außenangriff zu verhindern, erwartet heutzutage die Öffentlichkeit eine gezielte, fast schon „chirurgische“ Brandbekämpfung bei Minimierung aller Arten von Schäden (Feuer-, Wasser-, Rauch- und sonstiger Sachschäden durch die Maßnahmen der Feuerwehr sowie natürlich minimale Personenschäden), was auch der Anspruch der Feuerwehr an sich selbst sein sollte.

Dazu ist es jedoch heutzutage meist nötig, sich in den Innenangriff zu begeben um so das Feuer gezielt bekämpfen zu können. Auch hierzu ist, v.a. bei Berücksichtigung o.g. Aspekte, eine Realbrandausbildung notwendig.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass ein professionell durchgeführtes, qualifiziertes TVIA die Sicherheit der AGT immens erhöhen kann und daher Atemschutzgeräteträgern unbedingt die Möglichkeit geboten werden sollte, auf regelmäßiger Basis an Realbrandausbildungen teilzunehmen.

Kommentare

2 Kommentare zu “Realbrandausbildung – Warum ist das denn „auf einmal“ nötig?” (davon )

  1. Magazin-Artikel zu Realbrandausbildung : FWnetz - Feuerwehr im Netz am 2. November 2008 10:36

    […] Videomag 01 Start Home / Aktuelles / Magazin-Artikel zu Realbrandausbildung « Realbrandausbildung – Warum ist das denn „auf einmal“ nötig? […]

  2. GFzbV am 4. November 2008 19:33

    Super Artikel, der wie ich finde nicht nur allein Werbung für den Realbrandausbildung macht, sondern vor allem auch sehr schön die Veränderungen in der Brandbekämpfung und auch die daraus resultierenden (notwendigen) Veränderungen bei uns hervorbringt.

    Fakten die sicherlich viele im Kopf haben, kurz und prägnant zusammengefasst. Danke!

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