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(iw) „Have we got a deficit?“ „Hell yeah we do!“ So ähnlich würde ein hiesiger Bewohner das heutige Erlebnis beschreiben. Gefolgt von „Can we change this?“ „Yes we can!“ Sorry für diese Anleihe eines typischen Spruches des 44. Präsidenten, aber das kommt hin.

Ich versuche, das Ganze mal in einfachen Worten zu fassen: bei PKW-Unfällen sind wir sicher nicht schlecht aufgestellt, wobei auch hier ein fortlaufender Verbesserungsbedarf besteht. Geht es jedoch um Grosse Dinge wie Busse oder LKW, glaube ich, dass wir in den weitesten Strecken ein echtes Problem haben. Ich habe ein Paar Leute gefragt: dann holen wir eben das THW, oder / und den lokalen Kranunternehmer.

Beide kommen Sonntag auf Montag sicher so schnell, dass der Eingeklemmte, der gerade ein Stück Armaturenbrett im Bein stecken hat, vollstes Verständnis für die Untätigkeit der gerufenen Feuerwehr hat.

Über was für Szenarien reden wir hier? Dinge, die sich jederzeit ereignen können. Nehmen wir die dritte Lage heute, die sich in ähnlicher Form tatsächlich ereignet hat: PKW fährt auf Müllauto und gräbt sich darunter. Dumm nur: die zwei Müllmänner hinten, die nun zwischen Haube und Müllaut eingeklemmt liegen. Keine schönen Bilder.

Und eben diese Lage wurde hier nachgestellt:

PKW unter LKW

Mit einem kleinen, aber feinen Unterschied: eine Person zwischen PKW und LKW, zweite Person unter PKW. Dazu noch ein Klein kind eingeklemmt zwischen Beifahrersitz PKW und B-Säule. Letzteres gar nicht so komplex, aber wie geht man an das andere ran?

Richtig: erst LKW anheben, Person befreien, dann PKW anheben. Das Ganze aber so, dass nichts abhaut, umstürzt, und andere abquetscht.

Hier kann ich gleich zum ersten ganz grossen Tipp kommen: Achsen fixieren. Wenn wir etwas anheben wollen, möchten wir Freiraum schaffen. Doch Fahrzeugachsen, insbesondere LKW-Achsen, haben einen enormen Federweg. Heben wir das Fahrzeug an, bleibt die Achse unten, und wir haben nichts erreicht.

Lösung: Achse fixieren. Einfachstes Mittel ist die Verwendung eines Zurrgurtes, wie er zur Ladungssicherung verwendet wird.

Achse fixieren

Beim LKW wandert die Achse mit nach oben, der PKW bleibt schön unten, anstatt durch die eigenen Stoßdämpfer nach oben gedrück zu werden. Kostet wenig, höchst effektiv.

Die erste Lage heut war eigentlich auch die heikelste: Ein Bus stand mit der Achse auf einem Motorrad, darunter der Fahrer. So wackelig, dass man mit der Hand diesen Bus hin und her schaukeln konnte. Die Herausforderung lag allerdings darin, den Bus nicht nur auf einer Seite, sondern komplett anzuheben – war eine Vorgabe der Ausbilder.

Motorrad unter Bus

Die zweite Lage war ein gutes Beispiel dafür, wie einschüchternd etwas sein kann, die Lösung aber im Prinzip einfach. Hier hatten wir einen Schulbus mit drei eingeklemmten Personen unter dem Bus, dahinter ein Tanklaster auf dem Dach, darunter ein PKW.

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Die größte Debatte bestand darin, ob man den Tanker mit dem Bus „verheiraten“, also festzurren sollte, oder etwas anderes. Dies ein gutes Beispiel für „don’t overengineer“, also das Ganze nicht zu komplex zu gestalten. Der LKW wurde abgestützt, und das reichte allemal. Dann noch kurz berechnen, wieviel man zu heben hat, und dann ging es eigentlich recht problemlos: der Bus sauber angehoben. Tolle Sache.

Bus anheben

Die dritte Lage mit dem untergefahrenen PKW habe ich oben beschrieben. Die letzte Lage waren Betonteile (7 Tonnen) auf PKW. Auch hier vermeintlich heikel, aber durchaus lösbar. Als besonders wichtig, und zwar nicht nur hier, sondern überhaupt, hat sich das Unterbauen erwiesen.

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Das sollte als eigenes Thema behandelt werden. Ich behaupte, 4 von 5 Feuerwehrleuten in Deutschland können nicht unterbauen, beziehungsweise machen sie es falsch. Bis gestern habe ich mich auch dazu gezählt, ohne Frage. Grundwissen unterbauen geht alle was wan, allerdings wie und wo unterbauen ist Sache eines Gruppenführers. Folgendes Bild zeigt gut den Unterschied zwischen gutem und nicht so gutem unterbauen: Erklärung folgt.

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Zwischen den Lagen hatte ich heute prima Möglichkeit, mich mit den anderen auszutauschen. Im Gegensatz zu den meisten hier war ich alleine, aber ins Gespräch kommen war immer problemlos möglich.

Besonders faszinierend fand ich, wie Capt. Bob Morris vom FDNY Rescue 1 ein gutes Dutzend zuhörer in sein Bann gezogen hatte und erzählte, wie sie mit zwei Greifzügen den Airbus im Hudson gesichert hatten. Als guter New Yorker hatte er eine besonders hohe „Fuck“-Dichte, was die Wortwahl betrifft :) Hier ein Bild auf das ich ein wenig stolz bin: links Billy Leach, der Organisator, in der Mitte Bob Morris und yours truly mit alternativer, dem Wetter angepassten Kleidung:

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Über einen sagenhaften Sonnenstich hinaus gibt es für mich noch eine besondere Anekdote: eine ganze Crew war aus Charlottesville / Virginia angereist, und zwar Rescue 1. In Charlottesville hatte ich 1990 beim Seminole Trail FD einen Monat verbracht, und tatsächlih kam einer vom STVFD und kannte mindestens eine Person, die ich auch kannte. Kleine Welt!

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Was einen Fazit betrifft, ist es noch zu früh, ich habe noch so viele Eindrücke im Kopf. Die Veranstaltung war natürlich absolut fantastisch. Ich sollte nochmal erwähnen, dass es hier primär ums anheben mit Hebekissen ging, und sichern mit Kreuzverbau bzw. stützen.

Unterbauen

Ein Einsatz besteht naturgemäß aus viel mehr, aber wenn wir nicht wissen, wie wir anheben sollen, kriegen wir nie einen eingeklemmten heraus, oder viel zu spät. Ich wünsche mir, das wir solche Heavy Rescue – Workshops auch bei uns durchführen können.

Was allerdings eine Sofortmassnahme ist: das Unterbauen. Eigenlich gar nicht so komplex und man kann eine Menge damit erreichen. Nur: wie das richtig geht, wissen die wenigsten.

Hiermit schliessen die Erlebnisse von heute ab. Ich muss mal in den nächsten Tagen das Erlebte durchkauen, und einen kleinen Plan aufsetzen, wie man das Ganze bei uns so langsam in Schwung bringen könnte.

An dieser Stelle nochmal vielen Dank an Paratech, die diese Teilnahme ermöglicht haben. Was mich besonders beeindruckt hat (und nein, ich werde nicht bezahlt, um das explizit zu erwähnen): die Paratech-Leute sind richtige Fanatiker: die Geräte sind Mittel zum Zweck, und natürlich geht es darum, den Bekanntheitsgrad zu erhöhen. Aber man konnte sehen, die Leute waren in den Lagen richtig dahinter, diese auch zu lösen, und Tipps und Tricks weiterzugeben. Herzblut macht vieles aus, finde ich. Und nicht umsonst werden sich auch von großen Feuerwehren gebucht, um solche Workshops, die sich auch in den Tiefbau ziehen können, gebucht.

So, und morgen geht es wieder nach Hause. Abflug ist am frühen Nachmittag, zurück geht es diesmal über Brüssel. Dienstag Vormittag wieder zuhause, und ich erwarte wieder den Verlust meiner Tasche. Ebendiese wurde soeben im Hotel abgeliefert, rechtzeitig um sie wieder mit nach Hause nehmen zu können. Vorteil; Klamotten noch sauber :)

paratech

Paratech ist Sponsor von “Big Rig Rescue” oder LKW auf PKW

Bisher:

Teil 1Teil 2
Ergänzte Bilderstrecke

Kommentare

8 Kommentare zu “Big Lift U Tagebuch (3): Das wow!-Erlebnis” (davon )

  1. Florian Körblein am 15. Juni 2009 11:07

    Klasse Bericht! Bei uns mangelt es neben den entsprechenden Kenntnissen auch an ausreichend Rüstholz. Bin mal gespannt ob der AB-Rüst der in diesem Jahr kommen soll Abhilfe schaffen wird….

  2. LarsR am 15. Juni 2009 11:41

    Natürlich kann sowas überall passieren, das gilt aber auch für größere Mengen brennender Flüssigkeiten (Tanklastzüge fahren fast überall und können auch fast überall verunfallen), Tiefbauunfälle oder ABC-Lagen.
    Ab einer gewissen Größenordnung ist dann zunächst jede Feuerwehr mal überfordert, die einen schon sehr früh, die anderen sehr viel später.
    Eine kontinuierliche Weiterentwicklung ist sicher ein Muss, aber ich wehre mich dagegen, die Erwartungen all zu hoch zu schrauben und dauernd zu wiederholen, dass die Mehrheit der FA von diesen Spezialthemen keine Ahnung habe. Natürlich hat sie nicht.
    All die denkbaren Aufgaben, die in 50 Jahren vielleicht einmal, vielleicht auch kein Mal auftreten, kann eine Feuerwehr nicht stemmen. Weder materiell noch personell.

  3. Irakli West am 15. Juni 2009 11:54

    @LarsR völlig einverstanden, jede Feuerwehr sollte für sich bestimmen was sie sprichwörtlich stemmen kann und was nicht.

    Hier geht es auch nicht so sehr darum, Dinge anzuheben und woanders hinzustellen, sondern primär zu stabilisieren. Wenn allerdings jemand eingeklemmt ist, muss man halt anheben, und da ist gewisses Wissen notwendig.

    Anders ausgedrückt: geht man von dem aus, was man üblicherweise fährt, könnte man eigentlich auch auf PSA und Innenangriff verzichten. Kübelspritze, Tauchpumpen und Motorsägen reichen völlig aus.

    Nur: wer macht’s wenn man es selbst nicht kann *und* wenn es eilt?

  4. Irakli West am 15. Juni 2009 12:12
  5. Der Lars am 15. Juni 2009 17:33
  6. Max60 am 15. Juni 2009 21:41

    Vielen Dank für den interessanten Bericht! Ich muss zugeben, ich wurde beim lesen ein klein wenig neidisch.

  7. FwTaucher am 15. Juni 2009 22:13

    Klasse Bericht! Ich bin gespannt auf weitere Infos zu den einzelnen Themen.
    Bei uns wird zur Zeit die TH-Ausbildung neu aufgebaut, vielleicht können wir ja von Deinen Erlebnissen und neuen Erfahrungen profitieren… ;-)

  8. maos am 16. Juni 2009 20:09

    Und wie es der Zufall will, bin ich gerade auf das hier gestossen:
    http://www.kfv-goe.de/einsatz/2008/01/autokran.htm

    Wenn bei diesem Ding die eigene Hydraulik nicht mehr geht, schauts wohl auch erst mal düster aus.

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