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(ar) Vom 19. bis 23. Oktober 2009 fand in Laichingen (Ba-Wü) ein von der Firma ERHA-TEC organisierter Lehrgang mit Erfahrungsaustausch internationaler Realbrandausbilder zum Thema „3D-Firefighting“ auf höchstem fachlichem Niveau statt.

3D-Firefighting bzw. 3D-Brandbekämpfung bezeichnet dabei ein Konzept, nach dem abweichend von klassischen Vorgehensweisen besonders der Rauch und die darin enthaltenen Brandgase in allen taktischen Überlegungen und Brandbekämpfungsmaßnahmen berücksichtigt werden, also eine „dritte Dimension“, nämlich das Volumen der Brandgase, hinzugefügt wird. Besonders aufgrund der heute verwendeten Baustoffe ist diese Erweiterung des Verständnisses des Brandverhaltens von Bränden in Gebäuden und die besondere Berücksichtigung des Rauches von großer Bedeutung.

Teilnehmer aus Deutschland, der Schweiz, Belgien, den Niederlanden, Kroatien, Frankreich und Luxemburg kamen zu diesem Austausch zusammen. Organisator Jürgen Ernst und Andreas Daum von der Firma ERHA-TEC konnten für diese Veranstaltung ein hochkarätiges Ausbilder-Team gewinnen: Shan Raffel (Feuerwehr Brisbane/Queensland, Australien), John McDonough (Feuerwehr Sidney/New South Wales, Australien) und Peter McBride (Feuerwehr Ottawa, Kanada), allesamt international anerkannte Kapazitäten auf ihrem Gebiet, stellten den Teilnehmern neueste Entwicklungen und Erkenntnisse im Bereich der feststoffbefeuerten Realbrandausbildung und verwandten Themen (Einsatztaktik, Hygiene und Kontaminationsvermeidung bei der Realbrandausbildung, Taktische Ventilation, Hochhausbrandbekämpfung) vor.

Der Kurs konnte davon profitieren, dass Ernst, Raffel, McDonough und McBride in der vorangegangenen Woche erst an einem Erfahrungsaustausch internationaler Ausbilder in Schweden, dem „Mutterland der Realbrandausbildung“, teilgenommen hatten und außer ihrer jahrelangen Erfahrung somit auch neueste Erkenntnisse und Informationen weitergeben konnten. An der Feuerwehrschule Sandö/Schweden waren auch die Pioniere der 3D-Brandbekämpfung vertreten: Mats Rosander, Nisse Bergström und Marcos Dominguez haben diese Technik entwickelt und über die Jahre immer weiter verbessert.

In verschiedenen Theorie-Blöcken, zu denen der Kurs bei der Feuerwehr Laichingen zu Gast war, wurden Grundlagen aufgefrischt und gefestigt sowie neue Modelle vorgestellt. In jeweils anschließenden Praxis-Blöcken auf dem Ausbildungsgelände der Firma ERHA-TEC konnten diese Inhalte dann auch praktisch erprobt und vertieft werden; wertvolle Unterstützung leisteten dabei die Trainer der Firma ERHA-TEC.

In der sehr konstruktiven und lernfreundlichen Atmosphäre während des gesamten Kurses wurden oftmals auch die Teilnehmer zu Ausbildern und berichteten von eigenen Erfahrungen und Entwicklungen, welche von den interessierten Fachkollegen intensiv diskutiert und analysiert wurden. Modelle der „Best-Practice“ wurden somit länderübergreifend weitergegeben und erprobt, wodurch ein sehr gutes Lernergebnis erzielt wurde. Besonders bemerkenswert war die Offenheit, mit der von einzelnen Teilnehmern auch negative Erfahrungen und Fehlentwicklungen in den eigenen Ausbildungsprogrammen kommuniziert wurden, wodurch anderen erspart wird, gleiche oder ähnliche Fehler selbst machen zu müssen. Eines der Hauptziele dieses Austausches wurde somit definitiv erreicht: Die Weiterentwicklung und Verbreitung der Realbrandausbildung als ein elementarer und unabdingbarer Bestandteil einer modernen, integrierten Innenangriffs-Brandbekämpfung.

Denn im Verlauf des Kurses wurde nochmals deutlich, wie wichtig eine fundierte, qualitativ hochwertige und sichere Realbrandausbildung ist. Angesichts gegenüber vergangener Jahrzehnte veränderter Bedingungen in den Bereichen Gebäudekonstruktion (Wärmedämmungen, Holzbauweisen etc.) und verwendeter Materialien (Kunststoffe und weitere petrochemische Produkte) ist eine Anpassung der Vorgehensweisen der Feuerwehr, besonders im Innenangriff, unabdingbar. Eine fundierte Realbrandausbildung trägt dazu bei.

Inhalte der Stationsausbildung

Im Verlauf des Kurses wurden von den Teilnehmern in kleinen Gruppen verschiedene Stationen durchlaufen. Dazu gehörte die Vorführung des Brandverlaufs an einem mehrräumigen Modell („Doll’s House“) und Übungen zur Überdruckbelüftung. Im „offenen“ Brandcontainer wurde das Beobachten und Kontrollieren des Brandverlaufs im Realmaßstab demonstriert sowie Angriffsübungen mit der Kombination der Rauchgaskühlung und des direkten Angriffs durchgeführt. Internationale Varianten der Türprozedur sowie verschiedene Strahlrohrtechniken wurden vorgestellt, diskutiert und erprobt. Durchgänge in der holzbefeuerten Rauchdurchzündungsanlage sowie eine Backdraft-Vorführung rundeten das praktische Programm ab.

Realbrandausbildung in den richtigen Kontext setzen

Ein wichtiger und während des Kurses wiederholt aufgegriffener Punkt ist die Notwendigkeit, Realbrandausbildung in das Gesamtsystem „Feuerwehr“ adäquat einzupassen. Auch die beste Realbrandausbildung führt keine Veränderung zum Besseren herbei, wenn ihre Inhalte isoliert betrachtet und nicht auf den Einsatz übertragen werden. Es ist immens wichtig, zwischen Ausbildung und Einsatz eine enge Verzahnung und ein entsprechendes Feedback einzurichten. Erfahrungen aus der Realbrandausbildung ziehen oftmals Kreise (Betrachtung der Löschverfahren, davon ausgehend Auswahl eines entsprechenden Strahlrohrs und geeigneter Durchflüsse, woraus wiederum die Wahl eines entsprechenden Schlauchdurchmessers führt usw.), die über die reine Anwendung des in der Ausbildung vermittelten Wissens hinaus geht. Auch umgekehrt ist es wichtig, Realbrandausbildung nicht als Selbstzweck zu betrachten, sondern immer das Anwendungsziel „Realeinsatz“ als Maßstab zu betrachten. Jeder Beteiligte muss sich klar sein, dass die Realbrandausbildung in Containern immer nur eine Simulation ist. Unterschiede zwischen Ausbildung und Realität liegen z.B. in den zur Brandkontrolle notwendigen Wasserdurchflüssen, den vorhandenen Raumvolumina oder auch der Brandlast. Nichtsdestotrotz ist diese Art der Simulation zur Zeit immer noch die beste Möglichkeit, Atemschutzgeräteträger (AGT) auf ihre u.U. gefährliche Tätigkeit der Brandbekämpfung im Innenangriff vorzubereiten. Wie bei jeder Technik oder jedem anderen Produkt ist es jedoch notwendig, sich über die jeweiligen Grenzen im Klaren zu sein.

Realbrandausbildung auch für Führungskräfte

Eine wichtige Erkenntnis dieses Erfahrungsaustausches war auch, dass Realbrandausbildung nicht auf eine „Basis-Ausbildung“ der AGT mit den notwendigsten Inhalten beschränkt werden darf. Natürlich ist es vor allem wichtig, ALLE AGT, die zur Brandbekämpfung im Innenangriff eingesetzt werden sollen, umfassend dahingehend zu schulen.

Um möglichst großen Nutzen ziehen zu können, müssen sich aber auch die Führungskräfte über die Möglichkeiten und Grenzen der 3D-Brandbekämpfung im Klaren sein. Basierend auf dem Wissen über das Brandverhalten, das „Lesen“ eines Brandes, über möglicher Formen des extremen Brandverhaltens und die möglichen Gegenmaßnahmen müssen Führungskräfte in der Lage sein, eine Lage richtig einzuschätzen. Bei dem Treffen ihrer taktischen Entscheidungen müssen sie in Betracht ziehen, welche Brandbedingungen vorhanden sind und welche Ressourcen Ihnen zur Verfügung stehen, um diese zu kontrollieren. Das Ziel muss es sein, lageangepasst zu entscheiden, und nicht aufgrund von „universalen“, immer gleichen Vorgehensweisen quasi roboterhaft vorzugehen. Ein lage- und risikoangepasstes Vorgehen ist der wichtigste Schritt zur Gewährleistung der Sicherheit der Atemschutzgeräteträger.

Sicherheit an erster Stelle

Bei jeder Realbrandausbildung muss die Sicherheit an erster Stelle stehen; schließlich sollen die Teilnehmer in einer kontrollierten, sicheren Umgebung entsprechende Erfahrungen sammeln können, damit sie diese nicht erst im u.U. viel extremeren, unsicheren Realfall machen müssen, wenn es schon zu spät sein kann. Dieses Bekenntnis zur Sicherheit ist auch international bei professionellen Realbrandausbildern eine Selbstverständlichkeit, was sich auch während dieser Fortbildung durch entsprechende Rückmeldungen der Teilnehmer bestätigte. Neben adäquater Persönlicher Schutzausrüstung, die heute eine Selbstverständlichkeit sein sollte bzw. muss, ist der wichtigste Sicherheitsfaktor bei der feststoffbetriebenen Realbrandausbildung sehr gut ausgebildete Trainer. Sie müssen die Lage jederzeit unter Kontrolle halten und die Brandbedingungen im Simulationscontainer immer den jeweiligen Lernzielen anpassen; dies ist bei entsprechendem Wissen und Können auch relativ einfach möglich. Ausbildungsverletzungen wie Verbrühungen, Verbrennungen oder Materialschäden lassen sich bei dieser Art der Ausbildung nicht immer vollständig vermeiden; ein kalkuliertes Risiko wird zu Gunsten einer möglichst großen Realitäts- und Einsatznähe akzeptiert, um so präventiv schlimmere Verletzungen im Einsatz zu vermeiden. Im Grunde entstehen derartige Schädigungen jedoch meist dann, wenn die Simulation außer Kontrolle gerät und/oder der Ausbilder im Grunde nicht weiß was er tut, da ihm ein umfassendes und tiefes Verständnis für die entsprechenden Zusammenhänge fehlt.

Die Qualifizierung der Ausbilder ist somit der Schlüssel zu einer sicheren Ausbildung. Über Inhalte, welche von Trainern beherrscht werden müssen, herrscht auch international weitgehende Einigkeit. Leider fehlen in Deutschland verbindliche Vorgaben, anhand derer Realbrandausbilder einheitlich qualifiziert werden können. Dies sollte angestrebt werden, um das Ausbildungsniveau insgesamt anzuheben und eine größere Transparenz in der Trainerausbildung zu erreichen.

Taktikstandards – Anpassung an heutige Bedingungen nötig

Bei Betrachtung der physikalischen und chemischen Grundlagen der Branddynamik und des daraus in Kombination mit heutigen Konstruktionsweisen und verwendeten Baustoffen entstehenden Brandverhaltens bei heutigen Zimmerbränden ist es notwendig, auch taktische Prioritäten anzupassen. In den 1950er-Jahren verlief die Entwicklung eines Brandes aufgrund der damals üblichen Materialien (Baumwolle, Holz etc.) sehr viel langsamer als heute; das Stadium des Vollbrandes nach dem Flashover (Raumdurchzündung) wurde sehr viel später erreicht, manchmal auch gar nicht, da die verwendeten Materialien nur eine geringe Wärmefreisetzung besaßen. Ein anderer möglicher Brandverlauf war, dass sich noch vor dem Eintreffen der Feuerwehr der Vollbrand ereignete, da dem Brand ggf. durch schlecht isolierte Räume schnell Luft zugeführt wurde; eventuell eingeschlossenen Menschen konnte damals nicht mehr geholfen werden, als taktische Option blieb nur der Außenangriff.

Im Gegensatz dazu werden heutzutage vor allem Materialien petrochemischen Ursprungs verwendet (Kunststoffe), welche eine sehr viel größere Wärmefreisetzungsrate und daher auch einen größeren Sauerstoffverbrauch zur vollständigen Verbrennung besitzen. Brände entwickeln sich daher viel schneller und erreichen schneller und öfter gefährliche Zustände (ventilationskontrollierte und unterventilierte Brände). Dadurch resultiert logischerweise auch eine Veränderung des „Zeitfensters“, das der Feuerwehr für ein erfolgreiches Eingreifen bleibt!

Der alte taktische Grundsatz „Menschenrettung vor Brandbekämpfung“ resultiert aus Erfahrungen, welche in Einklang mit den noch in den 1950er-Jahren gegebenen Bedingungen stehen. Bei damaligen Brandentwicklungsgeschwindigkeiten war ein ausreichend großes Zeitfenster gegeben, um die Brandbekämpfung in der ersten Einsatzphase falls notwendig zu vernachlässigen, um die Menschenrettung durchführen zu können (oder der Flashover hatte bereits stattgefunden und es blieb nur noch, wie oben schon genannt, der Außenangriff als Option).

Heute stellt sich dieser Sachverhalt grundlegend anders dar: Als taktische Richtschnur sollte man vielmehr den Satz „Brandbekämpfung zur Menschenrettung“ nehmen; auch in dieser Denkweise steht selbstverständlich die Rettung von Menschenleben an erster Stelle. Im heutigen Brandeinsatz bedeutet dies aber oftmals, dass zuerst der Brand angegriffen oder zumindest eingedämmt werden muss, um überhaupt die Voraussetzungen zu schaffen, eine erfolgreiche Menschenrettung durchführen zu können. Die Zahl der Einsätze, bei denen Feuerwehrleute aufgrund der Missachtung dieser Notwendigkeit zur Veränderung der taktischen Prioritäten gestorben sind, ist groß. Heutige Brände lassen der Feuerwehr nur ein sehr kurzes Zeitfenster zur Einleitung effektiver Maßnahmen und nur sehr wenig Spielraum für Fehler. Auch diese Erkenntnisse aus dem heutigen Einsatzgeschehen und der Realbrandausbildung im weiteren Sinne müssen sowohl AGT als auch Führungskräften vermittelt werden, um in Zukunft nicht öfters tödliche Unfälle von Feuerwehrleuten erleben zu müssen.

Internationale Übereinstimmung in den wichtigen Punkten

Die o.g. Erkenntnis zu taktischen Prioritäten stellt wie die anderen in diesem Artikel behandelten Punkte einen inzwischen international anerkannten Stand der Technik dar.

Auch im Rahmen dieses Ausbilder-Erfahrungsaustausches wurde ein Mal mehr klar, dass auf internationalem Niveau bei allen Ernst zu nehmenden Institutionen und Organisationen eine weitgehende Übereinstimmung in fast allen Bereichen der 3D-Brandbekämpfung, wie z.B. Art und Einteilung der Phänomene des extremen Brandverhaltens, effektive Lösch- und Brandkontrollverfahren, Taktiken zum Vorgehen und zur Brandbekämpfung u.ä.m., herrscht. In Details mag es gewisse Abweichungen oder „Philosophien“ geben, welche jedoch in der Regel auch durchaus nicht kritisch zu betrachten sind, da das gleiche taktische und strategische Ziel bekannter Maßen auf unterschiedlichen Wegen erreicht werden kann. Insofern lässt sich ein internationales Level der „Best-Practice“ ausmachen, welches auch in Deutschland eingehalten und zum Ziel genommen werden sollte. Fehlentwicklungen und vor allem gefährliche Praktiken wie z.B. die Verwendung ungeeigneter (flüssiger) Brennstoffe in der Realbrandausbildung, nicht ausreichender Persönlicher Schutzausrüstung oder die ungenügende „Qualifizierung“ von Realbrandausbildern sind daher bei ausreichender Fachkenntnis leicht zu erkennen und sollten unterbunden werden. Ein einheitliches Niveau bei Realbrandausbildungen sollte daher auch in Deutschland angestrebt werden, um so „schwarze Schafe“ in der Realbrandausbildung leichter ausmachen zu können. Dazu sollten alle beteiligten und aufsichtführenden Stellen enger zusammenarbeiten.

Einige Bildimpressionen:

Stuhl zur Immersions-Kühlung

Entfernen grober Partikel und Gase mittels Besen und LüfterOffenes SystemDollhouseoffenes System 3StrahlrohrtechnikOffenes System 2Erfahrungsaustausch Strahlrohrtechniken

Kommentare

Ein Kommentar bisher zu “Internationaler Realbrandausbilder-Austausch: 3D-Firefighting” (davon )

  1. Stefan Cimander am 15. November 2009 20:47

    Sehr interessant.  Den wichtigsten Satz, dieser Abhandlung, lautet „Der alte taktische Grundsatz „Menschenrettung vor Brandbekämpfung“ resultiert aus Erfahrungen, welche in Einklang mit den noch in den 1950er-Jahren gegebenen Bedingungen stehen.“ Das macht Sinn, ist aber – zumindest meiner Erfahrung nach – bei den Feuerwehren so umgesetzt, dass man das macht, was man zuerst findet: Findet man das Feuer zu erst -> Brandbekämpfung. Findet man Person zuerst -> Menschenrettung. Aus dem Satz ist aber auch deutlich herauszulesen, dass man deutlich mehr AGT an einer EST benötigt, um diese komplexen Aufgaben bewältigen zu können.

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