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Weil wir hier im Nachtlager an der Grenze zu Haiti gerade WLAN haben und mein Laptop gerade noch genug Saft für diesen Post: die ersten Tagebuch-Einträge gesammelt. Morgen früh geht’s endlich / endgültig nach Haiti rein und es wird ernst. Einen kleinen Vorgeschmack hatten wir vorhin als ein Transporter mit einigen Leichen vorbeifuhr.

Haiti Tagebuch (1)

Es ist kurz vor 1300 und ich sitze zusammen mit 11 anderen Mitgliedern von @fire in einer Linienmaschine der Air Berlin auf dem Weg nach Punta Cana in der Dominikanischen Republik. Ausserdem begleiten wir 10 Leute des Medizinischen Hilfswerks inklusive 5 Suchhunden, die übrigens hier oben mit der Kabine mitreisen dürfen. Es riecht nach Hund.

Doch Punta Cana ist nicht das Reiseziel, sondern das Erdbebengebiet in Port-Au-Prince, Haiti. Laut den letzten Nachrichten sind dort durch ein Erdbeben Dienstag Abend massive Zerstörungen geschehen, es werden zehntausende Tote erwartet, und genau dorthin wollen wir, um zu helfen.

An dieser Stelle lohnt sich vielleicht ein kleiner Rückblick auf die letzten 24 Stunden, die es wahrlich in sich hatten. Nicht unironisch auch die Art und Weise, wie ich vom Erdbeben zuerst erfuhr: ich hatte mir Dienstag Abend eine App auf das iPhone geladen, die Daten des USGS aufbereitet. Nach 10 Minuten wurde das Beben in Haiti mit einer Stärke von 7,2 gemeldet.

Nun, gestern Mittag rief Jan durch und fragte, was ich die nächsten 10 Tage denn vor hätte. „Nach Haiti?“. „Jup“. Abflug am Abend aus Frankfurt. Brauchen jemanden, der Französisch spricht. Dann ging die wilde Telefoniererei los. Ich hatte nichts Weiteres geplant, als eine Big Lift Vorführung am Freitag, eine USAR-Übung in Zagreb am Dienstag, und Ende nächster Woche hat Victoria, meine Frau, auch Geburtstag.

Die darauf folgende Telefoniererei ist hiermit schwer zu bechreiben. Und eigentlich geht es gar nicht um mich, sondern soll zum Nachdenken anregen. Es geht um all die Hilfskräfte, die plötzlich und unvermittelt alles fallen lassen und sich von einem Moment auf den anderen auf etwas völlig anderes konzentrieren müssen.

Als Mitglied einer Feuerwehr ist ein Einsatz halbwegs abzusehen und unterbricht den Fluss nur um ein Paar Stunden. Löschen, Retten, und dann wieder ab nach Hause oder in die Arbeit. Hier reden wir von 10 Tagen. Könnten aber auch 5 sein. Siebensachen packen und Abflug.Dazu gehört eine Menge Unterstützung und Verständnis. Der organisatorische Rattenschwanz ist enorm.

Wir sollten ursprünglich mit drei Leuten zum Erkunden abfliegen. Doch aus dieser Aktion wurde nichts, es hiess entweder am nächsten Tag oder gar nicht. Eher nicht. Sollte man nun Kommando zurück geben und all die Dinge die man abgesagt hatte, wieder zusagen?

Dann wieder die Mail, Anruf, Tweet: geht morgen los. Ab München, was mir persönlich sehr entgegen kam. Somit war noch ein Bisschen Zeit für die Familie und halbwegs ordentlicher Schlaf. Was vom Rest des Teams übrigens nicht behauptet werden kann. Treff beim THW Osnabrück, Equipment verladen und mit dem MzKW – Tolle Sache – Richtung Süden. In Neu-Isenburg kurz übernachtet, dann morgens in München.

Treff am Flughafen, zunächst im Frachtbereich, schliesslich haben wir noch im Terminal A Gepäck bzw. Ausrüstung eingecheckt. Check-In, Security, ein wenig warten, und nun ein 10-Stunden Flug voll von Urlaubern. Weil gerade nicht Ferienzeit ist, fast keine Kinder an Bord. Nach Ankunft wird es sicher einige Stunden dauern, bis alles verladen ist, dann soll es die 400km Luftlinie nach Haiti gehen, mit dem Bus. 10 Stunden? Mal sehen. Und dann? keine Ahnung.

Überhaupt, wenig Ahnung. Das Organisatorische hat halbwegs geklappt, das Equipment verladen, und wir unterwegs. Die ganz großen Unbekannten sind allerdings andere: was erwartet uns, und wie werde ich, wie wird jeder Einzelne mit dem Erlebten umgehen können, verarbeiten können? Wird man genug Distanz gewinnen können? Wird es einen Auslöser geben, eine Stresssituation? Stinkt es tatsächlich mit diesem ganz charakteristischen Geruch?

Und: wie sieht es mit der Sicherheit aus? Das Land hat wahrlich nicht das beste Image, und was ist, wenn hier Westler ankommen, mit schönem Gerät, Kameras, Ausrüstung, Geld?

Gerade diese Gedanken waren gestern fast schon bedrückend, sind aber inzwischen wieder größtenteils verflogen. Der kleine Aufschub hat es uns ermöglicht, noch die dringendsten Dinge, wie zB Bezahlen von Rechnungen, letzte Besorgungen, zu erledigen. Wir können mit dem Gerät umgehen, wir haben die Richtige Ausbildung, und irgendwie sind die Hunde extrem beruhigend. Keine Ahnung ob es nur mir so geht.

Wir machen uns Gedanken über die Logistik, und wie die nächsten Tage aussehen könnten. Zuhause sind auch einige Leute im Stab richtig aktiv: Melde- und Brückenköpfe, Kommunikationswege, evtl. Nachschub und vieles mehr müssen auch organisiert werden.

Mal sehen ob es in Punta Cana Internet-zugang gibt und ich zumindest die ersten Infos und Bilder hochladen kann.

Die allergrößte Unterstützung jedoch kommt von den Angehörigen, die unseren Einsatz überhaupt ermöglichen.

Diese

Haiti Tagebuch (2)

2330 Ortszeit und wir sitzen im Bus Richtung Santo Domingo.

Kennt jemand die Mini-Serie „Band of Brothers“? Es gibt eine FOlge wo die 101. Division Richtung Bastogne aufbricht, um das Böse, in diesem Fall die Vorrückende Wehrmacht, aufzuhalten. Zwar ist es nicht akut, aber wir bewegen uns Richtung Einsatzgebiet, und es fühlt sich schon ein bisschen so an, als ob einen „das Böse“ erwartet, unkonkret und bedrohlich.Nur ein Bisschen, und ich befürchte das wird sich später schlagartig ändern.

Die Landung in Punta Cana war an sich unspektakulär, das Aus-und umladen in den Bus auch. Die Urlauber hinter uns gelassen, und losgefahren. Eine Strassenverbindung soll es nach Haiti nicht, oder nur schwer geben. Unser Stab und wir versuchen, mit allen möglichen Partnern zu kommunizieren. Besonders hilfreich ist scheinbar das DGLZ.

Angeblich soll in Santo Domingo eine Luftbrücke mit kleinen Maschinen nach Port-Au-Prince (PAP) eingerichtet worden sein. Weitere Alternative: mit Begleitschutz nach Haiti hineinfahren, im Konvoi. Angeblich soll auch ein USAR-Team aus Panama auf einer Feuerwache auf Mitfahrgelegenheit warten, sie hätten einen 7,5 Tonner, wir viel Platz, würde gut passen.

Die Infos aus Haiti sind nicht ermunternd: 100.000 Tote plus, millionen Obdachlose. VIele große Teams, ob USAR oder medizinisch oder sonstig, hängen an allem möglichen Orten fest, die Holländer angeblich in Curacao. Der Flughafen von PAP ist nur für militärflüge offen, und das sind die Amis. ICh denke schon, dass es gut ist, dass sie dort im großen Stile auftauchen.

Trotz des schleichenden Unwohlseins glaube ich nicht, dass die meisten von uns richtig auf das vorbereitet sind, was uns erwartet – es gibt halt für alles ein erstes Mal.

Haiti Tagebuch (3)

Der Morgen bricht an. Keine Großen Veränderungen bis jetzt. Die Nacht am Boden im Zentrum für Zivilschutz verbracht, unseren Status auf der OSOCC-Website geupdated. Einige haben im Bus gepennt. WIr hoffen alle, dass wir bald Diesel organisieren können um Kaffee zu kochen.

Das sind die praktischen Dinge. Was den Einsatz insgesamt betrifft, kann keine Aussage getroffen werden, insbesondere weil wir die UN in Haiti nicht erreichen können. Wir bleiben erstmal beim ursprünglichen Plan und werden um 0700 eine Besprechung abhalten, dann spätestens um 0800 losfahren. Wir hoffen die Panamaer können einen LKW requirieren. Wir würden dann, insgesamt 50 Leute, mit Begleitschutz von der Dominikanischen Armee die 280 km nach PAP fahren und uns dann direkt vor Ort einsatzklar melden. Angeblich sollen auch zwei Finnen mitfahren wollen.

Santo Domingo ist definitiv ab vom Touristenschuss. Jan Ole würde hier sicher seinen Meister finden, eine Drehleiter überhaupt aufstellen zu können: nicht möglich vor lauter Elektrokabeln! Auf dem Weg zur Wache sind wir auch durch Gegenden gefahren, die an sich schon einen Begleitschutz rechtfertigen würden. Einen Hund haben wir scheinbar auch überfahren, und Jan meinte, am Strassenrand eine Leiche gesehen zu haben. Die Wachmänner vom Krankenhaus neneban patrouillieren mit ziemlich großen Gewehren.

Die Stimmung ist ruhig, zumal wir nicht genau wissen wie und wann es weitergeht.

Haiti Tagebuch (4)

Freitag der 15. kurz nach Mittag. Wir sind endlich auf dem Weg nach Haiti und verlassen eben Santo Domingo. Der Tag bisher war eher

organisatorischer Art, der Zivilschutz hat einiges an Hilfsgütern organisiert. Wieviele Menschen sich von den paar tausend Kilo ein Tag lang

ernähren können, und vor Allem wie sie das gekocht bekommen sollen, das sind eher nachgelagerte Gedanken.

Fakt ist, wir fahren nun mit dem Team aus Panama sowie einiges an Zivilschutz aus der Dominikanischen Republik Richtung Jumani an der Grenze

zu Haiti, insgesamt 2 Busse und3 LKW. Dort sollen wir dann auf Militär stossen, welches uns nach Port au Prince begleiten soll. Derzeit gibt

es ganz grosse Unbekannte Parameter, am ehesten könnte es eine Bedeutung haben, dass wir womöglich als erstes Team von der anderen Seite nach

Port au Prince ankommen könnten. Die Fakten verheissen nichts gutes.

Nach unseren Informationen sind aktuell 6 USAR Teams tätig, und 21 auf dem Weg. Ausser uns scheint es auf dieser Seite nicht sonderlich viele

so nahe an der Grenze zu geben.

Wir haben auch zwei finnische Leute der UNDAC mit aufgesammelt, die mit uns im Bus unterwegs sind. Somit müssen wir uns nicht zuviele Sorgen

um Kommunikation mit der UN machen.

Mögliche Szenarien für uns gibt es in einer sehr großen Bandbreite: von nichtstun zu sofort eingesetzt werden. Ein Knackpunkt war heute als

wir unsere Ausrüstung bereit gemacht haben, plötzlich war das, wofür wir hier sind, wesentlich greifbarer – in jeder Hinsicht.

Mal sehen wie es wird.

Kommentare

2 Kommentare zu “Haiti Tagebuch Teil 1-4” (davon )

  1. Tweets die Haiti Tagebuch Teil 1-4 : FWnetz – Feuerwehr im Netz erwähnt -- Topsy.com am 16. Januar 2010 06:39

    […] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von fwnetz, Yannick erwähnt. Yannick sagte: Im @fwnetz hat @rakeman sein #Haiti Tagebuch Teil 1-4 geuploadet: http://is.gd/6llva #eqhaiti […]

  2. Haiti – Tagebuch « heyko`s am 21. Januar 2010 20:27

    […] Haiti Tagebuch Teil 1-4 […]

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