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Haiti Tagebuch (5) Strasse nach Port Au Prince

0600 Und wir machen uns auf dem Weg über die Grenze – primär geht es darum ganz vorne im Konvoi zu sein, wenn wir nicht den schweren Transkport-LKW hinterherötteln wollen.

Die etwas mehr als 200km nach Jimeni, zusammen mit den Panamaern, hatten eher Urlaubscharakter. 30 Grad, Palmen, Meer, Sonne, kurze Pause in einer Cantina. In Jimeni ist eine Art „Staging Area“eingerichtet, in der die ganzen Hilfseinheiten zusammengezogen werden um dann in Konvois nach Haiti einzufahren. Den letzten Konvoi gestern Abend hatten wir verpasst, allerdings ist er auch schon um 1400 gefahren, den hätten wir niemals erwischt. Nachts kein Konvoi, kein Flug, also war übernachten angesagt.

Im Lager selbst war ziemlich ruhig, keine 500 Meter weiter befindet sich ein Krankenhaus, voll mit verletzten Erdbebenopfern. Ein Team um den Doc herum konnte rübergehen und bei OPs und Narkosen helfen. So sollen zwei Kindern das Leben gerettet worden sein. Das sind allerdings „nur“ Fakten. Wichtiger oder bedeutender das, was uns erwarten könnte: schreiende, sterbende Menschen.

Gepennt haben wir zwischen den zwei Bussen auf dem Boden, denke die meisten haben gut geschlafen. Inzwischen sind wir doch eine ganze weile unterwegs, und die meisten haben einigen Schlafmangel. Gut: es waren gleich drei offene WLAN-Netze eingerichtet, die auch gut und stabil funktionierten.

Noch sind wir ausreichend ausgelastet, um nicht zu sehr über das zu denken, was uns dort erwartet. Am Schlimmsten ist eigentich die Dauer: das Erdbeben liegt nun doch mehr als 72 Stunden zurück, das ist das Zeitfenster für Verschüttete zum überleben. Es ist warm, deshalb könnten viele Opfer etwas länger überleben.

Was wir dann zu tun haben, ist völlig offen offen. Die Szenarien gehen von rumsitzen und nichts tun, bis hin zu Rettungs- oder medizinischer Arbeit. Leider wird der Bus, der uns dort zur Verfügung stehen sollte, sofort wieder umdrehen. Somit werden wir auf Transportkapazitäten vor Ort angewiesen sein. Mal sehen wie es wird.


Haiti Tagebuch (6) Flughafen Port Au Prince, Base Camp, 2100

wow. Der größte USAR Einsatz der Menschheit mit mehr als 40 Teams und 160 Suchhunden. Das wow gilt aber eher dem heute Erlebten, das recht schwer in Worten zu fassen sein wird, und niemals originalgetreu das wiedergeben kann, was wir gesehen und erlebt haben.

Der erste Gedanke gilt dem Geruch. Man hatte uns davon erzählt oder gewarnt. Es ist ein ganz seltsamer Geruch, der manchen nichts ausmacht, anderen stark zusetzt. Ich muss gestehen, ich hätte ganz am Anfang, mit quasi leerem Magen fast gekotzt, aber das legte sich recht schnell. Praktischerweise kam auch ein bisschen Wind auf, und so war es größtenteils erträglich. Ich glaube, jeder der dieser Tage hier tätig ist, wird für immer einen Erdbebentoten recht problemlos lokalisieren können. Manchmal riecht ein ganzes Gebäude und seine Umgebung so, oder, wie in unserem Fall, in einem ganz klar definierten Umfeld, in der eine Leiche liegt.

Als wir heute morgen ankamen, steuerte der Konvoi zuerst das Lager an, in das die humanitäre Hilfe gebündelt wird. Wir wollten abklären, ob wir nicht im regulären Base Camp für die USAR-Teams unterkommen könnten. Resultat: sofortiger Einsatz, Université des Caraibes, dort sollen noch Stimmen gehört worden sein. Unsere Busse waren bereits abgefahren. Der Transport wurde dann mit einem LKW der UNO sicher gestellt, dazu Nigerianische Soldaten mit Kalaschnikows. Begleitet wurde das ganze von türkischen UN-Polizisten.

Es ging los Richtung Stadt und schon nach kurzer Zeit sahen wir plötzlich lauter eingestürzte Häuser. Das war der erste, richtige „wow“. Die Realität hatte uns eingeholt, es war nicht mehr abstrakt. Es ging weiter Richtung Innenstadt, sämtliche Gebäude waren entweder eingestürzt, teileingestürzt oder zumindest beschädigt. In den Strassen Unmengen von Menschen.

Nach einiger Fahrt bogen wir dann links von der grossen Strasse ab, und blieben stehen. Wir hatten unser Einsatzziel erreicht. 2 Mann absitzen zur Erkundung. Links von uns ein eingestürztes Haus. Dieser Geruch. Und ein genauer Blick: im Erdgeschoss der Oberkörper einer Toten. Den Blick schweifen lassen. Überall die Leute mit Masken. Da, in der Ecke liegen 2 Tote auf dem Gehsteig. Man hat sie notdürftig zugedeckt, aber die extreme Entstellung ist sofort zu sehen. Die da haben vermutlich nicht gelitten.

Ein Bagger schaufelt Schutt am nächsten Haus. Jedes Mal wenn die Schaufel hochkommt ist da eine Leiche drin. Sie kommen mitsamt Schutt in den Kieslaster zum Abtransport. Aus der Entfernung erinnert mich das an Feuerwehr-Übungspuppen.

Das hier ist reine Schocktherapie, von null auf hundert in nullkommanix. Diese Paar Minuten werden sich massivst in mein Gedächtnis einbrennen, das weiss ich. Meine Reaktion? Eigentlich neutral, das kommt einen vor wie im Film  – nur dass ein Film keinen Geruch transportieren kann.

Es ist heiss. Schon am VOrmittag um neun ist es brüllend heiss, die Sonne knallt runter, und schwül ist es auch. Das soll Winter sein?

Wir ziehen zu Fuss die Strasse runter, hinterneinander. Mit unserer vollen Montur denke ich an US Marines in irgend einer Irakischen Stadt. Sehr schwer zu vermitteln.

Dann sind wir am Ziel. Ein größeres Gebäude ist komplett eingestürzt. Es sollen sich hier noch Menschen befinden. Nach einer Befragung des Eigentümers erfahren wir, es handelt sich um eine Textilfabrik. Sie war mal zweistöckig, aber das da sieht aus wie ein Sandwich. Gucken, die Hunde heranlassen. Da es für uns in dieser Form das erste Mal ist, Kommunikation, und Meldewege, Aufgaben, etc. antesten.

Hat der Hund angeschlagen? Wir sind nicht ganz sicher. Mit der Search Cam können wir durchgucken: an beiden Stellen finden wir nichts. Ganz in der Nähe sind jedoch sicher eine, wenn nicht zwei Leichen. Viele Fliegen.

Das Gebäude wird von allen Seiten, inklusive oben, erkundet. Der Bioradar kommt zum Einsatz. Keine Anzeige. Falls sich das trivial anhört: diese Dinge dauern ein Bisschen. Und sind bei dieser Witterung Schwerstarbeit.

Was den Ablauf betrifft: Wie der Name sagt, USAR ist Suchen und Retten. Zuerst sucht man. Doch wir sind schon am dritten Tag nach dem Erdbeben, und statistisch bestehen nur noch minimale Chancen, jemanden lebend zu retten. Die meisten Suchen laufen erfolglos, auch bei den anderen Teams. Bislang wurden nur 43 Menschen in „echten“ USAR-Einsätzen gerettet.

Wird eine Person lebend gefunden, gilt es, sie zu retten. Dazu muss man sich zu ihr vorarbeiten, graben, durch Wände brechen, oder was auch immer. Und wenn das richtige Gerät fehlt, muss man eben aufgeben bis es verfügbar ist. Die Engländer mussten wegen viel zu hoher Eigengefährdung eine Frau lebend zurücklassen, da ihr Abstützsystem noch nicht eingetroffen war, und kein Heavy team verfügbar war. Die Frau war am nächsten Tag verstorben. Das ist nur eine von tatsächlich Millionen Tragödien dieser Tage.

Doch diese Tragödie ist etwas, was man in der Tat gedanklich völlig ausklammert. Wir sind hier zum arbeiten, und hoffentlich retten. Wir konzentrieren uns darauf, und denken nicht an das noch mehr Elend als sonst, welches diese Gegend heimgesucht hat.

Wir brechen die Suche ab – hier ist mit 99%iger Sicherheit niemand zu retten. Wir markieren das Gebäude nach den INSARAG-Richtlinien, und schreiben „no-go“. Der Wind drückt gegen eine Schiefe Wand, und diese knirscht beunruhigend.

Noch etwas: Nachbeben. Heute ist ein Tag der ersten Male. Ich hatte mich ganz am Anfang vormittags neben unseren Benzinvorräten auf der Strasse hingelegt, und wartete darauf, abgeholt zu werden. Und spürte klar und deutlich die Erde beben – was für ein unangenehmes Gefühl. Ich glaube nicht, dass das ein besonders starkes Beben war, aber egal.

Scheinbar wurden wir in einer etwas wohlhabenderen Gegend eingesetzt. Die Menschen waren sehr, sehr nett bis neutral, aber keinesfalls böse oder aggressiv. Ich denke schon, dass sie sich darüber gefreut haben, dass wir helfen.

So gesehen war das ein „normaler“ USAR-Einsatz: erfolglos suchen, morgen nochmal probieren. Die Rückfahrt zum Camp war absolut unspektakulär.

Und wenn um uns herum nicht eine Tragödie apokalyptischen Ausmasses wäre, würde ich sagen, gerade jetzt ist ein perfekter Augenblick. Im durch die Amerikaner gesicherten Flughafen haben sich die ganzen Teams eingefunden und ihre Camps aufgebaut. Was für eine Camp-Atmosfäre Zelte, Feuerstellen, und es ist richtig warm. Ich liege draussen im tiefen Gras und freue mich über eine leichte, und sehr angenehme Brise. Bei uns wäre das ein perfekter Sommertag. Fehlt nur noch ein kühles Bier. Von den Engländern kommt Gelächter rüber, überall laufen Stromerzeuger, manche lauter, manche leiser.

Wir sind müde. Einige schlafen schon, andere sitzen herum und reden. Ich denke, ein Tag wie heute ist in jeder Hinsicht ein besonderer Tag, der uns lange, lange in Erinnerung bleiben wird. Auf der praktischen Seite haben auch wir eine Unmenge gelernt, und das in einer Situation, die man in keiner Übung der Welt nachstellen kann.

Morgen ist um 0600 wecken, um 0700 geht’s los. Vermutlich werden es zwei Einsätze. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass wir bereits am Montag die Heimreise antreten werden. Die Wahrscheinlichkeit, Personen noch zu retten, geht so langsam gegen null, und dann gibt es für die USAR Teams weniger zu tun – wenn auch möglicherweise noch in vielen Tagen Leute gerettet werden.

Haiti Tagebuch (7) Flughafen Port Au Prince Abends

Heute war ein „Kultur- und Wandertag“. Damit ist der extrem intensive Kontakt mit der Bevölkerung gemeint, in jeder Hinsicht. Wir wurden in einem relativ sicheren Gebiet eingesetzt, um dieses abzusuchen und in eingestürzte Gebäude auszuschliessen, dass sich dort noch Eingeschlossene befinden. „Sicheres“ Gebiet bedeutet, dass keine UN-Eskorte gestellt wird, und wir auf uns alleine gestellt waren.

Das Resultat ist recht schnell beschrieben: keine Ahnung, wieviele Kilometer wir marschiert sind, aber es waren viele. Dabei haben wir zwei Schulen genauer unter die Lupe genommen: bei einer wurden die Hunde eingesetzt sowie der Bioradar, beides ohne Feststellung, und die andere wurde in Augenschein genommen, hier auch keine Feststellung.

Einmalig das Erlebnis, zu Fuss durch Viertel zu gehen, die Abseits der Hauptstrassen liegen. Die Leute waren freundlich, und freuten sich, als wir ihnen erklärten, was genau wir hier taten.

Das nächste Kapitel ist weniger erfreulich, und schnell umschrieben: es sollte angeblich ein unterkellertes Haus geben mit im Keller eingeschlossenen. Der Guide führte uns etwas abseits der Hauptstrasse, und hier ging es deutlich weniger freundlich zu. Schnell waren wir von vielen Bewohnern umringt, und wir sind uns einig, die Situation hätte schnell zum Negativen umschlagen können und wäre sicher gefährlich geworden. So mussten wir erklären, wir wären zu weit weg von unserer Ausrüstung, und wir würden wiederkommen. Schnell waren wir aus dem Viertel wieder raus, und spürten eine enorme Erleichterung.

Ein Transport nach Hause zu organisieren war zu dem Zeitpunkt unmöglich, und so machten wir uns zu Fuss Richtung Geräteablage. Ich muss die marschierte Strecke mal in Google Maps nachvollziehen, schätzungsweise waren es mit den zwei Erkundungstouren 10 Kilometer, und das mit 250 ml Wasser bei einer drückenden Hitze. Das Problem: wir wollen nicht in der Öffentlichkeit trinken, um nicht zu provozieren.

Am Ende waren wir froh, als wir endlich einen LKW der UNO anhalten konnten, diesmal waren es extrem nette Bolivianer, die nicht nur unser Gerät dann mit aufnahmen, sondern uns auch zum Base Camp in den Flughafen fuhren. Das schönste Gefühl der Welt: abends mit Seife die Salzkruste abzuwaschen und in leichte Klamotten hüpfen.

Ein Paar Unterschiede zu gestern gibt es ganz klar: zunächst war dieser Einsatz wesentlich harmloser als gestern: keine Leichen, kein Gestank. zu letzterem noch die interessante Feststellung, dass auch Müllhaufen an der Strasse nach gar nichts riechen. Eher das stehende Wasser in den Abwassergräben, das grünlich schäumend vor sich hinblubbert.

Fazit: dieser Tag war einer fürs Gedächnis: wir haben viel mit den Einwohnern geredet, und wir waren in Gegenden, die in jeder Hinsicht absolut abgefahren sind, inklusive echten Slums. Für mich eines der höchsten der Gefühle, einfach weil das so interessant ist.

Ich denke, viele von uns sind recht enttäuscht, dass wir nicht direkt USAR-tätig waren. Meine Meinung: USAR ist auch das, was wir heute gemacht haben. Wir hatten einen Auftrag, und haben ihn ausgeführt. Als Fachleute konnten wir ausschliessen, dass sich in dem abgesuchten Gebiet noch lebende Verschüttete befinden. Und zwar nicht nur durch angucken, sondern auch durch Kommunikation mit der Bevölkerung. Auch haben wir Präsenz gezeigt, haben den Leuten gezeigt, dass jemand da ist, der sich um sie kümmert, also eher eine psychologische Sache. Auch eines ist klar: es gehört gute Fitness dazu. Der Marsch bei den Temperaturen hatte es abolut in sich. Und wären wir tatsächlich auf mögliche Verschüttete gestossen, wir hätten tätig werden können.

Wie es weitergeht, ist unklar. Die USAR-Arbeiten sind in der Hauptstadt größtenteils abgehandelt. Es werden noch gezielt Leute für bestimmte Tätigkeiten gebraucht. Das Camp ist inzwischen mehr als voll. Nur um einige Länder, die USAR-Teams gesendet haben: Island, Russland, USA. Südafrika, Thailand, China, Spanien (heute mit Besuch des Vizepräsidenten), Niederlande, UK, Japan, Kanada, Mexico, El Salvador, Dominikanische Republik und noch viele andere. Ich denke nicht, dass wir allzu lange hier bleiben, spätestens am Freitag sind wir zuhause.

Wir haben die Gewissheit, tatsächlich etwas ausgerichtet zu haben. Wir waren früher da als viele andere, wenn nicht die meisten. Nein, wir haben „den höchsten Preis“ nicht geholt: lebende Verschüttete zu retten. Aber damit kann und darf man nicht rechnen. Wir haben einigen Menschen direkt geholfen, beispielsweise hatte der Doc im Krankenhaus vorgestern bei einigen OPs mitgeholfen. Wir haben einigen Menschen beantworten können, dass die vermissten Personen, insofern sie sich im Gebäude befinden, nicht mehr leben. Diese Gewissheit, so tragisch sie sein mag, ist auch etwas wert.

Ich werde heute wieder draussen übernachten, auch wenn der Kollege eine Tarantel platt gemacht hat. Seit der Ausstellung vor Kurzem weiss ich, dass sie harmlos sind, insofern man sie in Ruhe lässt. Das Nachtlager ist ein weiteres Erlebnis für sich. Oben der sternenklare Nachthimmel, unten läuft der eine oder andere Generator, 200 Meter weiter die Startbahn des Flughafens. Ich kann inzwischen ohne hinzugucken die Flugzeuge auseinanderhalten. Die Starlifter lassen den Boden beben, aber besonders faszinierend: es wurde 30 jahre zurückgespult. Es ist schon was eigenes, wenn 707, 727 oder gar DC-8 abheben!

Wie weiter oben beschrieben: ich denke, wir können ein reines Gewissen haben, etwas ausgerichtet zu haben. Aus fachlicher Sicht in vielerlei Hinsicht auch ausgesprochen interessant: Dokumentation der eingestürzten Häuser, oder einfach eine riesige Lernkurve für den USAR-Teil von @fire. Logisch läuft nicht alles 100% glatt, und diese ganze Erfahrung fliesst in unsere Ausbildung und in die Optimierung der AUsrüstung.

Kommentare

2 Kommentare zu “Tagebuch Haiti (5-7)” (davon )

  1. Gregor Wilcken am 21. Januar 2010 03:24

    mein gott ich beneide dich um die gemachten Erfahrungen! beneide ist irgendwie ein falsches wort! Ich zeuge dir hohe anerkennung, aufgrund deiner Erfahrung… hört sich doof an :-) jedenfalls sicherlich ein interesannter Einsatz!

  2. Haiti – Tagebuch « heyko`s am 22. Januar 2010 09:47

    […] Tagebuch Haiti (5-7) […]

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