ExtriCamp 01-10
1. April 2010 von Irakli West
(iw) Letzten Freitag ging das erste extriCamp über die Bühne: 6 Teilnehmer, 6 derfomierte Autos, 6 Stunden zum Austoben. Ziel der Veranstaltung war bewusst und hauptsächlich der Umgang mit Gerät, ob hydraulisch oder mit der Säbelsäge. Zweites Hauptaugenmerk waren Arbeitsweisen, beispielsweise Reissen der B-Säule, Tunneln oder die Fischdose, um einige Beispiele zu nennen. Auch hier war mir besonders wichtig, keinen Frontalunterricht abzuhalten: jeder sollte seine Wünsche und Bedürfnisse einbringen, und es ging auch darum, das Ganze gemeinsam anzugehen.
Nicht Bestandteil war das “drumherum”, also Abläufe wie Absperrung, Brandschutz, innerer Retter usw. Als Einziges haben wir zuerst unterbaut und bei Bedarf stabilisiert.
Hier also ein kleiner Bericht über diese Veranstaltung, die 3-4 Mal im Jahr stattfinden soll. Termine werden noch bekannt gegeben:
Zunächst ging es darum, die Fahrzeuge zu deformieren. Hier ein Paar Eindrücke:
Der Trick bestand darin, eine möglichst umfassende Bandbreite an Unfallverformungen darzustellen.
Im Einzelnen (click auf die Bilder für größere Darstellung):
Der “Hit” war dieser Polo, der unglücklich zwischen zwei LKW gequetscht wurde. Was man nicht sieht: auf der Fahrerseite ist der Schweller eingedrückt. Bei dieser Lage haben wir uns insbesondere darauf konzentriert, den Innenraum wieder auseinander zu ziehen, das war hauptsächlich Arbeit mit den Zylindern. Aber auch sonst gab es hier ausreichend Möglichkeiten sich auszutoben, beispielsweise mit der Säbelsäge:
Zu diesem Werkzeug sollten noch einige Dinge erwähnt werden. Unterm Strich ist es fantastisch, und in vielen Szenarien sogar das praktischere Gerät als die Schere. Ich schätze, dass wir zwischen 10 und 15 Blätter aufgebraucht haben, und dabei einige mehr, einige weniger sinnvolle Versuche gemacht – wie gesagt, um mehr Gefühl für das Gerät zu entwickeln. Hier ein Paar Beispiele:
Das Setzen einer “dritten Tür”, also die Entfernung der Seite bei einem Dreitürer geht superflott – insofern man richtig markiert hat und nicht in eine Verstärkung reinfährt.
Das ist eine (wie ich finde) sehr schön gemachte Fischdose: superschnelles Schaffen einer Rettungsöffnung – in dieser Lage viel schneller und effizienter als das Abnehmen des Dachs. Soweit ich weiss geht der Credit für die Fischdose an das TRT Osnabrück. Ist das richtig?
Übrigens: als Ergebnis von den ganzen Versuchen ist eine kurze Klinge einer langen vorzuziehen, da sie wesentlich formstabiler bleibt. Einziges Manko: wenn die Bleche sehr weit auseinanderliegen kann man eventuell beide Lagen nicht gleichzeitig schneiden.
Wie bei allen Schritten, Geräten und sonstiges: der Einsatz einer Säbelsäge ist nichts weiter als eine Option, die es im Einzelfall abzuwägen gilt. Nicht von der Hand zu weisen ist der extreme Lärm, der beim Sägen entsteht. Ist der Patient sediert, ist das vielleicht kein Problem (?) – hier sollte man sich mit dem medizinischen Personal absprechen.
Was bei den Deformationen ansonsten noch aufgefallen ist: Glasmanagement ist größtenteils hinfällig, da die Scheiben kaputt sind. Sind sie es nicht, lässt sich ganz gut mit dem Schnittschutz das Glas nach außen drücken, wenn gekörnt wird.
Die eigentliche erste Lage war diese hier:
Also relativ “entspannt” und vor Allem zum aufwärmen ideal. Stabilisiert, dann rein durch die Heckklappen, und dann ging es darum die Sitze zu entfernen. Die Karre war unfassbar weich, aber hier ging es primär um den Einstieg in den Tag – und der war somit ideal. Was wir dann alles angestellt haben, bis hin zum durch-den-Boden-einarbeiten würde den Rahmen sprengen.
Bei diesem Auto hier hatten wir einen Seitencrash auf beiden Seiten simuliert:
Und die Einsatzlage sah dann so aus:
Hier wollten wir uns eigentlich durchtunneln, aber im Kofferraum war ein ganzer Motorblock…also durch die Dachluke gearbeitet und uns an Crossramming versucht: drücken der B-Säule nach aussen.
Richtig spannend wurde es dann an der älteren 7er-Reihe.
Da der Motor noch nicht ausgebaut war, wurde “lediglich” das Dach eingedrückt. Ziel war es hier, vom Kofferraum aus nach vorne zu tunneln. Wichtigste Erkenntnis: Krasser unterschied zu den Karossen, die man normalerweise zum beüben bekommt. Alleine das Schneiden durchs Blech ist eine völlig andere Geschichte: alles ist wesentlich massiver, unflexibler, schwerer. In mancherlei Hinblick ist das auch ein Vorteil: weil eben nichts so schnell nachgibt, kann man teilweise sauberer arbeiten. Wer schon mal an einem Fiat dran war weiss, was ich meine.
Hier wird getunnelt: Kofferraumdeckel entfernt, hinten Fläche “geschaffen”, Hutablage entfernen nach Schnitt mit Säbelsäge.
Ganz zuletzt kam noch ein A4 Kombi dran. Hier auch wieder zwei Seitencrashs, die einerseits mit einer großen Seitenöffnung zu bewältigen waren, andererseits mit “reissen B-Säule”. Letzteres hat vom Prinzip her hingehauen, aber das Auto war dann doch nicht neu genug: der Zylinder verabschiedete sich durch den unterboden, das Dach wollte partout nicht abreissen. So ist das eben.
Eine der ganz großen Fragen, die man sich stellen kann, wurde heute auch aussprobiert: wir hatten sowohl eine Schere in Sichelform (eher “W”) als auch einen “Papagei”.
Folgende Aussagen lassen sich dazu treffen:
- Beide Formen sind berechtigt, haben ihren Sinn bei unterschiedlichen Szenarien
- Der “Papagei” ist etwas anspruchsvoller als die Sichel
- Der Papagei bricht leichter, insbesondere wenn das Objekt falsch, also zu weit am Ende angepackt wird: das Gerät verdreht sich und bricht irgendwann.
- Wenn es, wie in BY heisst, “2 Rettungssätze vorhalten”, dann spricht nicht s dagegen, beide Formen vorzuhalten, sie ergänzen sich gut
- Bei verstärkten Strukturen: die Sichel blättert die äußeren Schichten weg, der Papagei schneidet dann durch das verstärkte Teil. Wenn letzteres sauber freigelegt ist, sollte ein Schnitt auch mot modernem Gerä machbar sein – die wäre noch weiter zu erforschen
Letztendlich geht es darum, dass die Teilnehmer ihren Grundwissen, aber auch den Erfahrungsschatz erhleblich erweitern – ich hoffe, es ist hiermit gelungen. Besonders gefallen hat mir, das sich jeder nach Wunsch einbringen konnte, und es möglich war, Dinge auszuprobieren die sonst nicht möglich gewesen wären.
Wie gesagt, in diesem Jahr sind 2-3 weitere Extricamps geplant. Würde mich freuen wenn das klappt!
Hier noch ein Paar Eindrücke:
Danke an Carlo und Florian für das Bildermaterial!




















Das lässt Feuerwehrherzen höher schlagen ;) Sieht ganz lustig aus.
Einen ganzen Tag lang konstruktiv Autos kaputt machen, da bekommt (Feuerwehr)man(n) ja feuchte Augen :-)
Hallo Irakli,
tolle Sache, sieht gut aus, was ihr da macht.
Zum Thema Fischdose möchte ich nochmal loswerden, das es bei heutigen Fahrzeugen mit der Säbelsäge Probleme mit den Dachquerträgern geben kann, da diese mittlerweile bei einigen Modellen ebenfalls aus Hochfesten Stahl gefertigt sind. Da kann es passieren, das die Säbelsäge “Karies” bekommt.
Hallo Klaus,
danke für die Info. Wäre denn die Lösung, den Träger mit der Säge möglichst freizulegen und mit der Schere zu zwicken?
Das wäre eine Möglichkeit, eine andere wäre es, die Dachsäule auf beiden Seiten (Fahrer- und Beifahrerseite) in Höhe des Querträgers zu Schneiden um das Dach dann über den Dachquerträger nach vorne zu klappen. Kann dann aber wieder Probleme geben, wenn da ein Schiebedach eingebaut ist. Also wichtig ist vor allem Kreativ zu sein und das vermittelt ihr denke ich gut ,-)
Klaus
War ne tolle Sache, Action, Theorie kurz und bündig, viel Neues von Anderen sehen und mitnehmen können. Danke an den Organisator, freu mich schon auf den Vortrag in Vilseck. so long
oli
[...] letzte Link ist vom allbekannten FWNetz. Dieses hat ein sogenanntes ExtriCamp veranstaltet, bei dem es um [...]
@Klaus_Krebs Was Du beschreibst ist bei den Rescue Days in Frankfurt dem Team aus den USA beim Standard-Pit passiert. Die haben von hinten mit der Säbelsäge angefangen und sind dann in Höhe des Schiebedachs nicht mehr weiter gekommen. Mussten dann die Taktik wechseln und die Zeit ist ihnen davonglaufen: Bild mit Säbelsäge, Bild anschließend m. Schere