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Autor: Jan Schlösser

Die Auswirkungen von Stress auf das Verhalten

Gruppenführer sind während des Einsatzgeschehens einer Vielzahl von Faktoren ausgesetzt, die Stress verursachen. Diese Faktoren nennt man „Stressoren“. Dazu gehören z.B. Lärm, Hitze, Zeitdruck und Informationsüberflutung.

Der Organismus reagiert auf diese Stressoren auf eine Art und Weise, die sich in der Entwicklung der Spezies Mensch als besonders effizient herausgestellt hat: Er bereitet sich darauf vor, entweder zu kämpfen oder zu fliehen. Dieser „Flucht oder Kampf“-Zustand zeichnet sich unter anderem durch Veränderungen im Denken und Fühlen aus:

Verengung der Aufmerksamkeit

Die Aufmerksamkeit konzentriert sich auf Dinge, die besonders ins Auge stechen oder die für das weitere Handeln besonders relevant sind. Andere Dinge, die einem unter normalen Umständen sofort auffallen würden, tun dies im „Flucht oder Kampf“-Zustand nicht mehr.

Abnahme der Konzentrationsfähigkeit

Die Stressoren streuen sozusagen Sand ins Getriebe des Denkens und die Aufnahme von Informationen wird durch sie behindert. Man kann sich nicht mehr so viel merken wie unter normalen Umständen. Außerdem verleitet uns der „Flucht oder Kampf“-Zustand dazu, Informationen, die wir dann doch aufnehmen, nur sehr oberflächlich zu verarbeiten. Dadurch werden gerade erst aufgenommene Informationen schnell wieder vergessen.

Rückfall in primitive oder gut gelernte Verhaltensweisen

Menschen unter Stress neigen zu primitiven Verhaltensweisen. Man kann das immer wieder beim Ausbruch einer Panik beobachten. Entscheidungen werden auf der Basis von nur wenigen Faktoren getroffen. Zum Beispiel verleitet im Falle einer Panik der Faktor „Lebensgefahr“ Menschen dazu, um jeden Preis der entsprechenden Situation entfliehen zu wollen, und dabei mitunter an Orte zu fliehen, bei denen ein Mensch der nicht unter Stress steht, sofort erkennen würde, dass die Gefahr dort sogar noch größer ist.

Führen und Entscheiden unter Stress

Gruppenführer müssen innerhalb kurzer Zeit eine Entscheidung treffen, in dieser Stresssituation spielt der Körper jedoch ein spezielles Programm ab.

Aber auch ausgebildete Einsatzkräfte handeln unter Stress eher nach gewohnten Mustern, da sich Verhaltensweisen, die nicht oft geübt wurden und dadurch noch nicht gut im Gehirn verankert sind unter Stress nicht mehr abgerufen werden können: Unter Stress verlässt sich der Organismus auf Verhaltensweisen, die schnell und zuverlässig abrufbar sind. Schnell und zuverlässig abrufbar sind aber nur häufig geübte Verhaltensweisen oder solche, die uns angeboren sind.

Ausschüttung von Stresshormonen

Der Körper schüttet Stresshormone (wie z.B. Adrenalin) in den Blutkreislauf aus. Dadurch kommt es zu vielfältigen Veränderungen im Körper: Der Blutdruck steigt, die Herzfrequenz nimmt zu, Energiereserven werden angezapft. Mit der Hormonausschüttung gehen auch psychische Veränderungen einher. Insbesondere löst die Hormonausschüttung häufig ein Gefühl der Angst aus.

Als Faustregel kann man sich merken: Stress macht uns alle wieder ein wenig zu Urmenschen. Denken und Verhalten sind simpler und primitiver, große Denksprünge sind kaum möglich.

Wie geht man mit dem „Kampf oder Flucht“-Zustand um?

Grundsätzlich muss man festhalten: Das erfolgreiche Handeln unter Stress lernt man nur durch langjähriges Üben! Durch das Üben gewöhnt man sich an den Stress, die Stressoren verlieren mit der Zeit ihre Bedrohlichkeit. Dadurch fällt die Reaktion auf den Stress weniger drastisch aus. Außerdem entwickelt man automatisch Strategien für zielgerichtetes und erfolgreiches Handeln in diesem Zustand.

Durch die zunehmende Erfahrung mit den unterschiedlichsten Einsatzsituationen entwickelt man mit der Zeit ein hervorragendes Gedächtnis für die einzelnen Bestandteile dieser Situationen und kann zuverlässige Vorhersagen treffen, z.B. über im weiteren Verlauf des Einsatzes auftauchende Gefahren, obwohl diese noch gar nicht erkennbar sind.

Ähnlich wie beim Autofahren automatisiert man das Handeln zunehmend, bis man am Ende oft gar nicht mehr genau sagen kann, warum man genau diese oder jene Entscheidung getroffen hat. Um aber solch einen Expertenstatus zu erreichen, sind etwa zehn Jahre Erfahrung nötig.

Was aber ist zu tun, wenn man über diese Erfahrung noch nicht verfügt? Der Schlüssel dafür, auch ohne langjährige Erfahrung erfolgreich unter Stress zu handeln, liegt im Verständnis und der Akzeptanz des „Kampf oder Flucht“-Zustandes.

Wenn wir uns unseren Körper als Computer vorstellen, dann ist der „Kampf oder Flucht“-Zustand ein spezialisiertes Programm, das dann gestartet wird, wenn eine bestimmte Aufgabe am Computer erledigt werden soll (z.B. Textverarbeitung). So wie ein Textverarbeitungs-Programm das sinnvollste Programm für diese Aufgabe wäre, so ist auch der „Kampf oder Flucht“-Zustand das Programm, das für die Aufgabe „Handeln unter Stress“ am besten geeignet ist. Richtig genutzt, verbessert es unsere Leistung im Einsatz. Und wie bei Computerprogrammen gilt auch hier: Um mit dem Programm arbeiten zu können, muss man verstehen, wie es funktioniert, und muss beim Arbeiten die Eigenheiten dieses Programms akzeptieren.

Kurz gesagt: Wir müssen akzeptieren, dass unser Organismus dieses Stressprogramm startet, sobald er mit Stressoren in Kontakt kommt, und lernen, es richtig zu bedienen. Hat man diesen grundsätzlichen Schritt gemacht, verschwindet die Angst vor dem „Kampf oder Flucht“-Zustand, und es bleiben mehr geistige Kapazitäten für das Entscheidende frei: Die Ausführung der notwendigen Schritte für den erfolgreichen Abschluss des Einsatzes.

„Bedienungsanleitung“ für den „Kampf oder Flucht“-Zustand

Pläne und Strategien möglichst simpel halten

Wie oben geschildert, wird das Denken und Handeln unter Stress simpler, und es stehen weniger geistige Ressourcen zur Verfügung. Dies ist ein Fakt, den man akzeptieren muss, und an den man sein Handeln anpassen muss. Deshalb: Im Zweifelsfall sollte man von zwei Strategien der einfacheren den Vorzug geben.

Beim Treffen von Entscheidungen nicht zu viel analysieren

Stress behindert das Denken, das Abrufen von eigenen Erfahrungen ist dagegen noch gut möglich. Deshalb sollte man sich beim Einschätzen der Situation an der Einsatzstelle und beim Treffen von Entscheidungen lieber auf die eigenen Erfahrungen verlassen als zu versuchen, die Situation in ihrer Gänze zu erfassen. Eine mittelmäßige Entscheidung, die rechtzeitig ausgeführt wird, ist besser als eine perfekte Entscheidung, die zu spät kommt.

Adrenalinausschüttung neu interpretieren

Im „Flucht oder Kampf“-Zustand schüttet der Körper Adrenalin aus. Diese Ausschüttung wirkt sich auch auf unsere Gefühle aus: Wir erleben die Adrenalinausschüttung als Angst. Wenn wir aber wissen, dass die Adrenalinausschüttung nur ein Unterprogramm des „Flucht oder Kampf“-Programmes ist, können wir sie auch als solche begreifen. Sobald wir Angst verspüren, sollten wir uns selbst etwas sagen wie: „Das ist bloß der Flucht oder Kampf“-Zustand, Adrenalin wird nun ausgeschüttet. Das ist ganz normal, der Körper bereitet sich so auf die Gefahr vor.“ Wenn es gelingt, die Adrenalinausschüttung so umzuinterpretieren, verliert das mit ihr einhergehende Angstgefühl seine Bedrohlichkeit.

Führen und Entscheiden unter Stress

Entscheidungen unter Stress zu treffen ist eine Frage der Übung und der Erfahrung.

Geistige Vorbereitung schon auf der Anfahrt zur Einsatzstelle

Durch geistige Vorbereitung („Was für eine Situation könnte an der Einsatzstelle vorliegen? Habe ich eine solche Situation bereits erlebt? Wie bin ich damals damit umgegangen? Mit welchen Gefahren muß ich rechnen?“) wird das Programm „Kampf oder Flucht“ bereits gestartet, bevor man überhaupt den Stressoren ausgesetzt ist. Es wird bereits Adrenalin ausgeschüttet, so dass die Ausschüttung in der Stressituation selbst nicht mehr so drastisch ausfällt. Der Körper stellt sich bereits auf den bevorstehenden Einsatz ein, so dass bei Ankunft an der Einsatzstelle vom ersten Moment an grundsätzlich effizient gehandelt werden kann.

Hilfsmittel nutzen

Unter Stress nimmt die Gedächtnisleistung verglichen mit dem Normalzustand ab. Das ist unvermeidlich, aber man kann sich darauf vorbereiten, indem man Hilfsmittel wie Stift und Schreibblock in der Uniformjacke bereithält, um sich Wichtiges zu notieren. Damit wird das Gedächtnis entlastet und man kann die dadurch frei bleibenden Kapazitäten anderweitig nutzen.

Fazit

Als Fazit bleibt festzuhalten:

1. Nur erfahrene Experten sind in der Lage, auch unter Stress wirklich gute und umsichtige Entscheidungen zu treffen. Deshalb sollte es das Ziel jedes Gruppenführers sein, ganz bewusst Erfahrungen zu sammeln und soviel wie möglich zu üben.

2. Solange diese Erfahrung noch fehlt, sollte man lernen, den „Kampf oder Flucht“-Zustand so wie in der „Bedienungsanleitung“ beschrieben zum eigenen Vorteil zu nutzen. (Autor: Jan Schlösser, Edit: Stefan Cimander / www.fwnetz.de)

Über den Autor

Jan Schlösser ist Doktorand am Lehrstuhl für Kognitive Psychologie an der Universität Konstanz und beschäftigt sich in seiner Arbeit in erster Linie mit der Frage, wie sich die visuelle Aufmerksamkeit unter verschiedenen Einflüssen (z.B. Zeitdruck oder Bezahlung für gute Leistung) verändert. Er ist seit April 2009 Mitglied einer Freiwilligen Feuerwehr am Bodensee.

Kommentare

2 Kommentare zu “Flucht oder Kampf: Führen und Entscheiden unter Stress” (davon )

  1. MatthiasM am 14. April 2010 15:35

    Nicht nur zutreffend für FA, betrifft mindestens genauso einen Ersthelfer, der an einer Unfallstelle eintrifft oder gar selbst mit verwickelt ist. Der ist noch viel unmittelbarer auf 100% Adrenalin. (Erklärt evtl. auch das „Wegschauen“ und „Weiterfahren“ als Entscheidung zur Flucht.)

    Mit dem Unterschied, daß i.d.R. eine geistige Vorbereitung während der Anfahrt und  bei „Otto Normalersthelfer“ jeder Rückgriff auf vergleichbares Erlebnisse nicht möglich sind. Und plötzlich hat er den Hut als „Einsatzleiter“ auf.

    Ich zehre als „Nur-Ersthelfer“ noch heute von meinen inzwischen ziemlich lang zurückliegenden 7 Jahren Feuerwehr, wenn ich in so einer Situation bin.

    lG Matthias

  2. Geza Grün am 15. April 2010 13:10

    Danke für diesen sehr guten Beitrag!
    Immer wenn mir erzählt wird, wie wichtig die Feuerwehr für das Vereinsleben im Ort ist, frage ich mich, ob die Führungskräfte in solchen Wehren so trainiert sind, dass sie  mit dem beschriebenen Stress-Zustand umgehen können.

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