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(sc). Auf der Interschutz 2010 in Leipzig konnten die Besucher am Stand von atemschutzunfaelle.eu mit verschiedenen Experten aus dem Bereich Atemschutz diskutieren. Bewusst war dies nicht als Vortrag konzipiert, sondern als lockeres Gespräch. Unter anderem stellte sich Lars Lorenzen von der Feuerwehr Hamburg den Fragen zum Thema Atemschutznotfalltraining in der Hansestadt.

Hamburg erarbeitet Notfallkonzept

Seit 2006 widmet sich die Feuerwehr Hamburg verstärkt dem Thema Atemschutznotfall-Management. Ausschlaggebend dafür war der tödliche Atemschutzunfall in Tübingen (Baden-Württemberg). Sachstandsanalysen und Übungen mit gespielten Atemschutzunfällen zeigten den Handlungbedarf in Hamburg. Um ein eigenes Konzept zu entwickeln, führten die Verantwortlichen intensive Gespräche u.a. mit der Berliner Feuerwehr und atemschutzunfaelle.eu, um Erkenntnisse für das eigene Konzept zu erhalten, das sich derzeit in der Umsetzung befindet. Das Konzept unterscheidet dazu zwischen kurz-, mittel- und langfristigen Zielen der Umsetzung. Bisher läuft ein Übergangsmodell, bis alle über 3.300 Atemschutzgeräteträger geschult sind.

Training vor dem Training

In Hamburg beginnt das Training für den Atemschutznotfall schon vor dem Training des Atemschutznotfalls. Dieses Training vor dem Training kann man mit dem Motto „Wie verhindere ich einen Unfall?“ umschreiben. Die Ausbildung vermittelt und wiederholt zunächst wichtige Handgriffe. Ziel ist es, dass das alltägliche Handwerkszeug „Persönliche Schutzausrüstung“ und der korrekte Umgang damit bekannt sind. Gleichzeitig findet eine Sensibilisierung der Einsatzkräfte im Umgang mit Geräten und der Taktik statt. Dazu gehört zum Beispiel die Sichtprüfung der Atemschutzgeräte oder die Einsatzkurzprüfung. Oft sind es Kleinigkeiten, wie die vergessene Einsatzkurzprüfung, die zu kritischen Situationen führen. Dies zeigen Unfälle der Vergangenheit, in denen sich viele kleine Nachlässigkeiten in einer Fehlerkette verselbstständigten und einen Atemschutznotfall auslösten. (1)

Vorbereitungen für einen Notfall

Die Feuerwehr Hamburg hält an einer Einsatzstelle einen Sicherheitstrupp vor. Dieser hat nach FwDV 7 Truppstärke und ist genauso ausgerüstet, wie der Angriffstrupp. In der Regel handelt es sich dabei um zwei Atemschutzgeräteträger (AGT) mit Ein-Flaschen-Pressluftatmern. Ausnahmen gibt es z.B. in der Tunnelbrandbekämpfung, dort sind es drei AGT mit Zwei-Flaschen-Pressluftatmern oder Regenerationsgerät.

Das Hamburger Übergangsmodell sieht vor, den Sicherheitstrupp in der ersten Phase eines Einsatzes mit Bordmitteln eines HLF (Hamburger Löschfahrzeug) auszurüsten. Dazu schnürt der Trupp ein Sicherheitspack, das identisch mit den so genannten „Kölner Bündel“ ist. Einige Wachen haben das Sicherheitspack schon vorgefertigt auf dem HLF verlastet, allerdings ohne die  Atemschutzkomponenten.

Das Sicherheitspack besteht aus einem  Rettungstuch mit zwei Karabinern, einer 150 Zentimeter langen Bandschlinge mit Karabiner, einem Ein-Flaschen-Pressluftatmer, einer Atemschutzmaske, einer Feuerwehraxt und einem Handscheinwerfer. Mit diesen Möglichkeiten kann der Sicherheitstrupp einen verunfallten Atemschutzgeräteträger mit Atemluft versorgen und/oder eine Crashrettung oder Rettung mit der Rettungswindel durchführen. Mit der Beschaffung der neuen HLF-Generation soll es eine Anpassung der Sicherheitstruppausrüstung geben.

Sicherheitspack der Feuerwehr Hamburg im gepackten Zustand. Foto: L. Lorenzen, Hamburg.

Sicherheitspack der Feuerwehr Hamburg in nicht gepacktem Zustand. Foto: L. Lorenzen, Hamburg.

Die FwDV 7 schreibt zwar einen Sicherheitstrupp vor, kennt selbst aber keine spezifische Sicherheitstruppausrüstung! Diese Ausrüstung bestimmen die Feuerwehren bisher selbst. Auch vor dem Hintergrund der Unfälle der letzten Jahre gibt es hier Handlungsbedarf.

Vorgehen bei einem Notfall

Kommt es zu einem Atemschutznotfall, so hat der Sicherheitstrupp in der ersten Phase den Auftrag den verunglückten Trupp aufzufinden, und je nach Lage diesen entweder mit Atemluft zu versorgen oder eine Crashrettung durchzuführen, wenn diese erforderlich ist. Letzteres ist dann notwendig, wenn z.B. keine Atemgeräusche zu hören sind.

Das Konzept sieht weiter vor, einen zweiten Sicherheitstrupp schnellstmöglich zu entsenden, sofern die Ressourcen zur Verfügung stehen. Der zweite Trupp transportiert ein weiteres Atemschutzgerät zur Unglückstelle. Der Auftrag des zweiten Trupps ist die Unterstützung der eingeleiteten Maßnahmen und/oder der Transport des verunglückten Trupps. In der Regel sind in den ersten Minuten zwei Sicherheitstrupps mit vier Atemschutzgeräteträgern vor Ort.

Ist ein Atemschutznotfall eingetreten, ist der Einsatzleiter verpflichtet der Leitstelle den Atemschutznotfall mit dem Einsatzstichwort „Mayday Atemschutz“ zu melden. Dies führt dann zur Alarmierung von zwei Rettungswagen, einem Notarzteinsatzfahrzeug, zwei Hilfeleistungslöschfahrzeugen, einer Drehleiter, einem Einsatzleitwagen, dem B-Dienst und einem WLF mit AB-Atemschutz, der auch Zwei-Flaschen-Pressluftatmer und Regenerationsgeräte mitführt. Die Feuerwehr Hamburg trägt damit dem erhöhten Personal- und Materialbedarf bei der Abarbeitung eines Atemschutznotfalls Rechnung. Zeitgleich gibt es einen Infoalarm an die Krisenintervention, die Amtsleitung, die Pressestelle, die technische Abteilung und das Sicherheitsmanagement.

Sollte der verunfallte Trupp bis zum Eintreffen der nachalarmierten Kräfte nicht gerettet sein, erfolgt eine Erhöhung der Truppstärke auf drei Atemschutzgeräteträger. Ausgerüstet sind diese dann mit Zwei-Flaschen-Pressluftatmern. Die Denkansätze gehen in Hamburg dahin nach Vorbild eines Rapid-Intervention Teams (RIT) mit einer Staffel (Stärke 1/5) zu agieren.

Atemschutzausbildung á la Hamburg

Die Atemschutzausbildung ist in Hamburg modular aufgebaut. Multiplikatoren geben das meiste Wissen aufgrund der Vielzahl von 3.300 Atemschutzgeräteträgern weiter – das gilt auch für die Berufsfeuerwehrleute. Auf den einzelnen Wachen der Berufsfeuerwehr gibt es dazu die so genannten Wachausbilder (Multiplikatoren). Das sind Feuerwehrleute aus der Mannschaft, die ihre Kollegen, z.B. atemschutztechnisch auf den neuesten Stand bringen. Zusätzlich bietet die Feuerwehrakademie Hamburg ein eLearning- Portal an. Das Internet ist als Wissensplattform, insbesondere für Nachwuchskräfte nicht wegzudenken. Das zeigen die ersten Erfahrungen.

Für die praktische Ausbildung gilt, dass der Schwierigkeitsgrad von Übung zu Übung erhöht wird, ohne dass man gleich mit den schweren Übungen loslegt. Ein jeder Geräteträger soll sich an die Belastungen bzw. Aufgaben gewöhnen können, und mit den Aufgaben wachsen.

Die Berufs- wie die Freiwillige Feuerwehr Hamburg erhalten die gleiche Ausbildung. Die Lehrgänge zum Atemschutznotfalltrainer sind in der Regel gemischt, da es durchaus sein kann, dass eine der Freiwilligen Wehren den Sicherheitstrupp für die Berufsfeuerwehr stellen muss und umgekehrt. (Autor: Stefan Cimander, www.fwnetz.de)

Zur Person

Lars Lorenzen ist Brandoberinspektor bei der Berufsfeuerwehr Hamburg. Seit 19.07.2010 ist er Fachlehrer ABC-,Umwelt- und Atemschutz an der Feuerwehrakademie Hamburg. Seit Juli 2010 ist er außerdem Mitglied bei atemschutzunfaelle.eu.

Vielen Dank Lars Lorenzen für das informative Gespräch auf der Interschutz und dem anschließenden Informationsaustausch per Email.

(1) atemschutzunfaelle.eu LIVE 2009: Vorträge.

Der Besuch des FWNetz-Teams auf der Interschutz 2010 wurde ermöglicht durch die Unterstützung von Resqtec.

Kommentare

6 Kommentare zu “Atemschutznotfall-Management in Hamburg” (davon )

  1. Ulrich Wolf am 19. Juli 2010 12:24

    Ich denke, die meisten Freiw.Feuerwehren wären bei einem AGT-Notfall völlig überfordert und hilflos. Die wenigsten haben sich präventiv damit beschäftigt. Es wird zwar gem. FwDV7 ausgebildet und der SiTrupp wird benannt u. auch bereitgestellt. Ob diese Trupps immer auch mit den richtigen Werkzeugen u. Rettungsmitteln ausgerüstet sind? In wievielen frew. Feuerwehren wird regelmäsig ein AGT-Notfalltraining durchgeführt? Und als Beispiel: Die beiden jüngsten AGTler werden als SiTrupp eingesetzt, weil noch zu unerfahren für den IA…Das geht im Notfall mit Sicherheit in die Hose!
    Es gibt noch viel Handlungsbedarf…

  2. maos am 19. Juli 2010 18:56

    So etwas wird bei uns ganz einfach damit verhindert, dass „Frischlinge“ nicht zusammen einen Trupp bilden dürfen. Und das funktioniert, auch in der Hektik eines Einsatzes.

  3. Stefan Cimander am 21. Juli 2010 10:44

    So kenne ich das eigentlich auch: Truppführer ist i.d.R. ein alter Hase, während der Truppmann ein jüngerer Kamerad sein sollte. Aber uneigentlich passiert es auch in der Hektik des Einsatzes (und dem Mangel an AGT), dass zwei jüngere Kameraden  bzw. „nur“ Truppmänner einen AS-Trupp bilden.

  4. Linde am 21. Juli 2010 18:59

    Schade nur das soviel Zeit vergeht bis endlich Schritte in Richtung Atemschutznotfall/Set und dergleichen unternommen werden. Grade für eine Großstadt wie Hamburg, hat man meiner Meinung nach viel zu lange gewartet. Tübingen ist ja nicht der Erste Schwere Unfall den man leider zu Beklagen hat.

    Ich hoffe nur das hier schnell weitergearbeitet wird und man zu einem Guten Ergebnis kommt.
    Weil der derzeitige IST Stand in Hamburg ist zum Haare reißen.

  5. hosejockey am 28. Juli 2010 22:30

    @Linde
    Der  IST-Stand ist nicht nur in Hamburg zum Haare reißen.
    Das Thema Notfalltrainig wird doch schon Stiefmütterlich behandelt, ist ja auch noch ziemlich neu. Und wer weiss, vielleicht in ein paar Jahren schon wieder Geschichte, bis jetzt ist es ja immer gut gegangen!  Und kleinere Zwischenfälle  wurden stets gemeistert.
    Den Ansatz aus Hamburg mit einem RIT finde ich sehr gut. Das belegt zwar Kapazitäten ist aber im Ernstfall eine wesentliche Arbeitserleichterung!
    Meiner Meinung nach sollte der SiTrupp mindestens aus 3 FA bestehen… und das ist idR auch machbar….
    hochachtungsvoll
    Ihr hosejockey

  6. diggler am 29. Juli 2010 03:37

    Hier mal der Entwurf zum RIT von der NFPA.

    Seit Anfang diesen Jahres ist dieser Entwurf als NFPA 1407 offiziell in Kraft getreten.

     

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