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Brandbekämpfung in „modernen Gebäuden“

4. Februar 2011 von  

(sc). Auf der Webseite der Forschungsstelle für Brandschutztechnik am Karlsruher Institut für Technologie steht ein lesenswerter Forschungsbericht zum Herunterladen. Jürgen Kunkelmann und Dieter Brein untersuchen in dem Forschungsbericht „Feuerwehreinsatztechnische Problemstellungen bei der Brandbekämpfung in Gebäuden moderner Bauweise“ das Brandverhalten und Besonderheiten in Niedrigenergie-, Passiv-, Nullenergie- und Plusenergiehäusern, welche die Autoren unter dem Begriff „moderne Bauweise“ zusammenfassen. Ferner unterbreiten Sie Vorschläge für einen besseren Brandschutz und mögliche Löschmethoden.

Ausgangspunkt der Untersuchung sind mehrere Brände in Gebäuden moderner Bauweise. Die Autoren stellen hierbei fest, dass

  • es sich um personal- und zeitintensive Einsätze handelte
  • viele Atemschutzgeräteträger (AGT) eingesetzt waren
  • aus der hohen Zahl an AGT auf eine enorme Brandrauchbelastung zu schließen ist
  • es zu erheblichen Gebäudeschäden bis hin zum Totalverlust kam
  • es durch die dichte Gebäudehülle zu langen Vorbrennzeiten kam
  • sich durch die dichte Gebäudehülle die Branderkennung verzögert hat
  • es zu Rauchgasdurchzündungen durch mangelnde Ventilation kam
  • die Schaffung eines Rauch- und Wärmeabzugs mit den vorhandenen Werkzeugen nicht möglich war
  • es durch die Nicht-Abführung von Rauch- und Wärme zu einer Aufheizung und Sichtverschlechterung im Innenangriff kam
  • der Außenangriff die letzte Möglichkeit war
  • es zu Schwelbränden kam
  • es zu langen Nachlöscharbeiten kam

Daraus schließen die Autoren, dass die wesentlichen Probleme in Gebäuden moderne Bauweise durch zwei Aspekte bedingt sind:

  • die Luftdichtheit nach außen und
  • die Wärmedämmung

Um diese These zu stützen vergleichen die Autoren die moderne und konventionelle Bauweise. Das Ergebnis ist dabei wenig überraschend. So sind die Gebäude moderner Bauweise den konventionellen Gebäuden in puncto Luftdichtheit und Wärmedämmung überlegen. Ferner weisen Gebäude moderne Bauweise einige Besonderheiten auf, wie z.B. fehlende Dachfenster.

Neben den Konstruktion untersuchen die Autoren auch die Gebäudetechnik. Hier identifizieren sie drei wichtige Anlagen: Lüftungsanlage, Photovoltaikanlage und Brandmeldetechnik. Die Gefahren der Photovoltaikanlage werden am Rand behandelt, weil hier für die Feuerwehr nach derzeitigem Stand der Technik wenig zu tun ist.

Wichtiger ist die Lüftungstechnik. Hier zeigen die Autoren auf, dass die Lüftungsanlage wegen ihrer geringen Leistungsfähigkeit nicht als Rauchabzug geeignet ist. Ferner trägt der Luftstrom der Lüftungsanlage zu einer weiteren Verrauchung im Gebäude bei. Ein weiteres Element der Lufttechnik sind die Überströmöffnungen, welche die Verrauchung ebenfalls begünstigen.

Auf Grundlage dieser Ergebnisse schlagen die Autoren folgende bauliche Maßnahmen vor:

  • die Überströmöffnungen sind so tief wie möglich einzubauen, um die Verrauchung möglichst lange zu verhindern
  • neu einzubauende Lüftungsanlagen sollte eine hohe Leistungsfähigkeit aufweisen
  • die Lüftungsanlagen sollten manuell abschaltbar sein

In diesem Kontext ist eine funktionierende Brandmeldetechnik wichtig. Weil es keine flächendeckende Rauchmelderpflicht gibt, bleibt nur die private Initiative. Hier zeigen sich jedoch Probleme mit den optischen Rauchmeldern im Zusammenhang mit der Staubverteilung durch die Lüftungsanlage. Sinnvoll sei es die Rauchmelder durch Wärmemelder zu ersetzen oder zu ergänzen. In neuen Gebäuden sollte die Lüftungsanlage ferner von der Brandmeldeanlage gesteuert sein. Von außen sichtbarer Rauchmelder, z.b. Blitzleuchte, sollen eine schnellere Erkennbarkeit eines Feuers von außen gewährleisten.

Auf Grundlage der bisherigen Erkenntnisse fragen die Autoren weiter, ob Gebäude moderner Bauweise Phänomene der schnellen Brandausbreitung begünstigen. Hierzu erklären die Autoren die Brandphänomene Flashover, Rollover und Backdraft und zeigen ihre Entstehung auf.

Die Autoren stellen fest, dass die Gefahr eines Flashovers zeitlich früher eintritt, da nur eine geringen Wärmeabfuhr durch die Dichtheit der Gebäude stattfindet. Andererseits verzögern moderne Dreiglasfenster die Ventilation, sodass mit einem Rollover oder Backdraft zu rechnen ist. Ein Rollover ist deshalb wahrscheinlich, weil ein unterventilierter Brand vorliegt. Die Wahrscheinlichkeit eines Backdrafts – und hier des so genannten verlagerten Backdrafts wegen der Überströmöffnungen – nimmt ebenfalls zu, da eine unvollständige Verbrennung und keine Ventilation vorliegen.

Von außen sind Phänomene der schnellen Brandausbreitung schwer zu erkennen, da die Gebäude zu dicht gebaut sind. Die Autoren regen an, über das gezielte Auslösen eines Backdrafts nachzudenken, da die Möglichkeiten einen Backdraft zu verhindern zu gefährlich oder unmöglich sind.

Vor dem Hintergrund dieser Gefahren fragen die Autoren nach Lösungsmöglichkeiten und stellen dazu die Löschsysteme Fognail und CCS Cobra vor, die bei Bränden in Gebäuden moderner Bauweise durchaus brauchbar sind.

Für den Einsatzleiter wichtig ist es ein Gebäude moderner Bauweise zu erkennen, um die Taktik entsprechend anzupassen. Mögliche Indikatoren sind:

  • größere Fenster auf der Südseite
  • Ein- und Auslässe der Lüftungsanlage
  • Photovoltaikanlage
  • meist keine Dachfenster
  • meist keine Schornsteine

Der Forschungsbericht ist kurz und durchaus verständlich geschrieben, sodass er sich für die eigene Fortbildung und die Ausbildung eignet. Vor dem Hintergrund der Zunahme der „Gebäude moderner Bauweise“ ist es zweckdienlich, sich frühzeitig mit den spezifischen Gefahren auseinanderzusetzen, und seine Taktiken anzupassen.

Link zum Forschungsbericht (pdf)

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