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Die Wiege der MAN-LKW liegt am Bodensee

14. April 2011 von  

Snippets von der Retro Classics (4): MAN-Saurer

MAN LF 10 mit Magirus-Löschtechnik, Baujahr 1921. Bild: MAN SE Presse

MAN LF 10 mit Magirus-Löschtechnik, Baujahr 1921. Foto: MAN-Pressebild

(sc). Feuerwehrfahrzeuge von MAN besitzen keine mit Magirus oder Daimler-Benz vergleichbare Tradition – so scheint es zumindest. Das Miteinander von MAN und Feuerwehr war nämlich von wechselvollem Verhältnis. Wer im Übrigen von MAN-Lastwagen spricht, muss auch den Namen Saurer erwähnen. Denn MAN nahm 1915 mitnichten von selbst die Produktion von LKW auf – und das in doppeltem Sinne.

Für das deutsche Militär hatten Lastkraftwagen im 1914 vom deutschen Kaiserreich entfesselten Weltenbrand strategische Bedeutung. Aus diesem Grund richtete die oberste Heeresleitung die Aufforderung an die deutsche Industrie, LKW zu bauen.

MAN-Generaldirektor Anton von Rieppel kam dieser Aufforderung nach. Allerdings gab es da einen Haken: MAN hat weder Erfahrung im Bau von Lastkraftwagen, noch verfügte der Stahl- und Maschinenbaukoloss aus Bayern über konkrete Konstruktionspläne für die Automobilproduktion.

Der erste Kässbohrer Setra Bus auf Saurer Fahrgestell, Bj. 1911, wurde angetrieben von einem 30-PS starken Saurer AMII P Motor. (Das Fahrzeug gab den Anstoß für den hier veröffentlichten Artikel).

Obwohl von Rieppel schon länger den Gedanken hegte, in die LKW-Produktion einzusteigen, scheiterte er vor dem Krieg an Vorstand und Aufsichtsrat der MAN. Neben dem „Geist von 1914“ dürfte vor allem die eingeführte Rohstoffbewirtschaftung zum Bröckeln des Widerstandes in der MAN beigetragen haben.  Der Einstieg in die LKW-Produktion bot für MAN also die Chance an zusätzliche Rohstoffe zu kommen.

Da der LKW-Bau für MAN technologisches Neuland war, musste das bayrische Unternehmen Wissen „einkaufen“. Hier kommt nun Saurer in Spiel. Die Adolph Saurer AG aus Arbon am Bodensee war bis in die 1960er Jahre hinein der bedeutendste und größte schweizer Hersteller von mittleren und schweren Lastwagen, Auto- und Trolleybussen.

Da auch von Rieppel, wie das Gros der deutschen Bevölkerung an den „kurzen Krieg“ glaubte, hatte MAN beim Aufbau der Produktionskapazitäten den zivilen Markt im Auge. Der Krieg bot lediglich den Anlass, in den LKW-Markt einzusteigen. Daher belieferte MAN im Krieg nicht nur das deutsche Reichsheer, sondern bevorzugt die Kommunen.

Der Wissenstransfer zwischen MAN und Saurer war allerdings alles andere als einfach. Saurer produzierte nämlich auch für den deutschen Kriegsgegner Frankreich und konnte deshalb in Deutschland nicht unmittelbar als Produzent oder Firmenteilhaber auftreten. Aus diesem Grund gründeten die MAN-Kraftwagenwerke, eine Tochter der MAN, und die Bayrische Discount- und Wechselbank AG, eine Tarnfirma Saurers, die MAN-Lastwagenwerke.

Saurer 2DM als Tanklöschfahrzeug der Feuerwehr Wetzikon, Schweiz, Bj. 1970. Das Fahrzeug war im von 1971 bis 1994 im EInsatz und befindet sich nun im Besitz "Trägerschaft zum Erhalt alter Feuerwehrfahrzeuge". Das Tanklöschfahrzeug ist immer noch voll funktionsfähig.

Saurer besaß seit 1910 ein Werk in Lindau am Bodensee, in dem am 12. August 1915 der erste MAN-Saurer Lastkraftwagen das Werk verließ. MAN baute die LKW vollständig nach Plänen von Saurer. Saurer lieferte dazu neben Motoren, auch die Fahrgestelle zunächst nach Lindau, später, nach der Verlagerung der Produktion, nach Nürnberg.

Das Jointventure hatte knapp zwei Jahre Bestand, bevor Saurer auf Druck der deutschen Heeresverwaltung als Teilhaber an den MAN-Lastwagenwerken ausscheiden musste. MAN baute fortan Saurer-LKW in Lizenz. Nunmehr entfiel der Name Saurer in der Produktbezeichnung.

Feuer und Flamme: TLF aus St. Gallen

Das TLF des Feuerwehr-Nostalgievereins St. Gallen wurde 1963 von Rosenbauer auf einem Fahrgestell von Sauerer aufgebaut. In Dienst war das Fahrzeug bis 1996. Gewicht: 13 t, Leistung: 135 PS, Höchstgeschwindigkeit 80 km/h.

Der Technologietransfer und die über den Krieg fortdauernde Lizenzproduktion boten dem jungen LKW-Hersteller zunächst Vorteile. Dennoch zeigte sich in den 1920er Jahren, dass die Saurer-Konstruktionen den Anforderungen der Nachkriegszeit nicht mehr genügten. Nach wie vor baute MAN die Modelle aus dem verlorenen Krieg. MAN begann folglich neben der Weiterentwicklung des Dieselmotors, auch mit der Konstruktion eigener Lastwagen.

MAN zeigte 1925 den ersten, selbst entwickelten Diesel-LKW. Trotzdem baute MAN weiterhin in Lizenz Saurer-LKW der 2- und 3,5-Tonnen Nutzfahrzeugklasse – gerade aber diese waren im Feuerwehrbereich dominierend. Diese besaßen aber Ottomotoren. MAN konzentrierte sich auf Diesel-LKW. Die Zusammenarbeit zwischen MAN und Saurer dauerte bis 1932.

Feuer und Flamme: ADL aus St. Gallen

Die ADL des Feuerehr-Nostalgievereins St. gallen wurde 1965 von Magirus auf einem Fahrgestell von Sauerer aufgebaut. In Dienst bis 2000. Gewicht 11 t, Leistung 135 PS, Höchstgeschwindigkeit: 80km/h.

MAN(-Saurer) blieben ein bei den Feuerwehren selten geordertes Fahrgestell. Hauptabnehmer von MAN-Saurer bzw. „reinen“ Saurer waren in der Zeit ab 1911 die Feuerwehren der Städte Chemnitz, München und Augsburg. Chemnitz besaß sogar die größte MAN-Saurer-Flotte in Deutschland.

Der kurzen Wirtschaftsblüte in den 1920er Jahren, die auch bei MAN zu steigenden Absatzzahlen führte, folgte in den 1930er Jahren der jähe Absturz, auch wenn MAN von einer rentablen Produktion immer weit entfernt blieb. Die Wirtschaftskrise ging an MAN nicht spurlos vorbei: Die LKW-Produktion stand 1932 vor dem Aus. In letzter Sekunde konnte das Aus aber abgewendet werden.

 

Der erste Lastwagen mit Direkteinspritzung von 1924. Bild: MAN SE Presse

Der erste Lastwagen mit Direkteinspritzung von 1924. Foto: MAN-Pressebild

Die Zeit der MAN-Feuerwehrfahrzeuge war spätestens Ende der 1930er Jahre vorbei: Die Bestimmungen des Schell-Plans zur Reduzierung der Typenvielfalt, bedeuteten für MAN (und z.B. Büssing) die Konzentration auf den Bau von LKW in der 3- und 4,5-Tonnen Nutzfahrzeugklasse. Für Feuerwehrfahrzeuge waren jedoch nur die Klassen 1,5-, 3- und 4,5-Tonnen vorgesehen. Obwohl MAN auch in der für Feuerwehren wichtigen Nutzfahrzeugklasse Fahrzeuge im Angebot hatte, kam MAN nicht zum Zug.

Die Beschränkungen des Schell-Plans hatten für MAN Auswirkungen über den Zweiten Weltkrieg hinaus. Bis in die 1960er Jahre hinein spielte MAN bei Feuerwehrfahrzeugen weiterhin keine nennenswerte Rolle. MAN war gegenüber anderen Marken im Nachteil: Während Magirus ausschließlich auf den hauseigenen KHD-Fahrgestellen aufbaute, waren Metz und Daimler-Benz vertraglich aneinander gebunden. Außerdem hatte MAN kein passendes Fahrgestell, in der für die Feuerwehren interessanten Nutzfahrzeugklasse im Programm, weil hier der Schell-Plan nachwirkte.

 

MAN 758 L1 Baujahr 1954 Mit 180 PS im Fernverkehr

MAN 758 L1 Baujahr 1954 Mit 180 PS im Fernverkehr. Foto: MAN-Pressebild

MAN

LF 16 als MAN Poton-Kurzhauber der ersten Generation (Baujahr 1956-1969). Foto: Christian Lewalter

WLF der BF Nürnberg. Foto: Florian Körblein

MAN-WLF der zweiten Generation, Bj. 1979, auf MAN 16.192 HA. Das Fahrzeug ist noch im Einsatzdienst bei der BF Nürnberg auf der Feuerwache 4. Foto: Florian Körblein.

Erst mit der Vorstellung des Ponton-Kurzhaubers und der erstarkenden Konkurrenz im Aufbautenmarkt für Feuerwehrfahrzeuge durch Bachert und Ziegler, fand der MAN Verbreitung in den deutschen Feuerwehren. Bachert und Ziegler bauten zunächst hauptsächlich auf MAN auf.

Noch ein paar Worte zur weiteren Entwicklung von Saurer. Der letzte Saurer-LKW verließ 1984 das Werk. Saurer kaufte 1929 den Oltener LKW-Hersteller Berna und betrieb zwei bauungleiche Marken bis in die 1970er Jahre hinein. 1982 schloss sich Saurer mit FBW zur Nutzfahrzeuggesellschaft Arbon & Wetzikon (NAW) zusammen. Da Daimler-Benz die FBW übernommen hatte, besaß der Stuttgarter Automobilkonzern rund 40 Prozent an NAW. Saurer produzierte daher auch leichte Lastwagentypen von Daimler-Benz und Sonderfahrgestelle. Während NAW 2002 aufgelöst wurde, konzentriert sich die neue Saurer AG auf den Bau von Textilmaschinen und den Fahrzeuggetriebebau. (Autor: Stefan Cimander, www.fwnetz.de)

Dieser Text ist eine für das fwnetz.de modifizierte Fassung. Den kompletten Text finden interessierte Leser in meinem privaten Blog :galaxy quest.

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Fotos

Soweit nicht anders angegeben stammen die verwendeten Bilder vom Autor.

Ein herzliches Dankeschön für die Bereitstellung von Fotos geht an Christian Lewalter, Florian Körblein, die FF Soltau und MAN-Presse.

Literatur

  • Bähr, Johannes, Ralf Banken, Thomas Flemming: Die MAN: eine deutsche Industriegeschichte, München 2008.
  • Fischer, Klaus: Löschgruppenfahrzeuge LF 8, Berlin: Huss-Medien, Verl. Technik 2003.
  • Fischer, Klaus: Löschgruppenfahrzeuge LF 16, Berlin: Huss-Medien, Verl. Technik 2005.
  • Fischer, Klaus: Feuerwehrfahrzeuge in der Schweiz, Berlin: Huss-Medien, Verl. Technik 2008.
  • Gebhardt, Wolfgang H.: Geschichte des Deutschen LKW- Baus 1896 bis 1989. 5 Bände. Augsburg 1996.
  • Gihl, Manfred: Geschichte des deutschen Feuerwehrfahrzeugbaus. Bd. 2., Von 1940 bis heute, Stuttgart: Kohlhammer 1999.
  • Gihl, Manfred: Geschichte des deutschen Feuerwehrfahrzeugbaus. Bd. 1., Von den Anfängen bis 1940, Stuttgart: Kohlhammer 1997.
  • Gihl, Manfred: Handbuch der Feuerwehr-Fahrzeugtechnik, 3., überbearb. Aufl. Stuttgart, Berlin, Köln: Kohlhammer 1994.
  • Hasemann, Dieter: Feuerwehr-Legenden: MAN, Magirus-DL, Stuttgart: Motorbuch Verlag 2003.
  • Mommsen, Wolfgang: Die Urkatastrophe Deutschlands. Der Erste Weltkrieg 1914-1918, Stuttgart: Klett-Cotta 2002

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