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(sc). Erneut habe ich einen Übungsdienst mit dem Thema „Atemschutznotfallmanagement“ durchgeführt. Management ist dabei weniger als umfassendes Organisations- und Ablaufschema zu verstehen, als vielmehr als Umgang mit Stress, Improvisations- und Reaktionsvermögen. Ich hatte die Übungen – leider mit einigen Künstlichkeiten – so gestrickt, dass jeweils eine bestimmte Vorgehensweise aus meiner Sicht optimal wäre. Die von mir beobachteten Fehler hatte ich in dieser Form erwartet. Deshalb habe ich diese Beobachtungen mit meinem Lösungsansatz später zur Diskussion gestellt. Das blieb – wie es bei Feuerwehrs eben so ist – nicht unwidersprochen. Ich möchte aus diesem Grund auch nur auf zwei Punkte eingehen, die ich bis jetzt immer wieder beobachten konnte. Der erste Aspekt betrifft das Thema „Kommunikation“, der zweite Aspekt dreht sich um den Komplex „Rückzugsicherung“.

Ich stelle daher meine beiden Szenarien kurz vor:
Szenario eins: Starke Rauchentwicklung aus einem Kellergeschoß. Angriffstrupp geht mit einem C-Rohr vor. Er meldet dem Einheitsführer/ASÜ, dass er im Keller angekommen ist, starke Rauch- und Wärmeentwicklung herrscht und er rechter Hand vorgeht. Es folgt kein weiterer Funkkontakt. Die ASÜ löst nach sieben Minuten einen MAYDAY-Fall aus, da sich der Angriffstrupp nicht mehr gemeldet hat und nicht auf Anfunken reagiert.

Szenario zwei: Im 2. OG ist eine Rauchentwicklung gemeldet. Der Angriffstrupp geht mit einem C-Rohr über die Treppe vor. Es folgt kein weiterer Funkkontakt. Die ASÜ löst nach sieben Minuten einen MAYDAY-Fall aus, da sich der Angriffstrupp nicht mehr gemeldet hat und nicht auf Anfunken reagiert. Der Fallstrick hier: Der Trupp befindet sich überhaupt nicht mehr im 2. OG!

Aus früheren, ähnlichen Übungen hatte ich schon die Erkenntnis vermittelt, dass ein Zwei-Mann-Sicherheitstrupp für die Kameradenrettung nicht ausreicht. Deshalb standen jedem Gruppenführer vier Atemschutzgeräteträger zur Verfügung, die er vollumfänglich einsetzen durfte. Damit es so realistisch wie möglich – man kann auch sagen „stressig“ – wirkte brachte ich den Atemschutzgeräteträgern zur Sichteintrübung eine Plastikfolie vor die Sichtscheibe der Atemschutzmaske an. Im Keller hatte ich zur Simulation der Rauchwärmegrenze eine Feuerwehrleine gespannt.

Eine vollständige Analyse möchte ich an dieser Stelle nicht darbieten, aber zumindest auf die beiden Aspekte Kommunikation und Rückzugsicherung eingehen. Fangen wir mit Letzterem an: Mindestens eine eigene Leine als Sicherung legte keiner, weil die Trupps der Ansicht waren, sie finden ja am Schlauch zurück. Grundsätzlich falsch ist das zwar nicht, aber ich stehe da auf dem Standpunkt, dass eine eigene Leine Vorschrift ist und man mit ihr (fast) auf der sicheren und flexibleren Seite ist. In beiden Szenarien hatte ich „Fallstricke“ eingebaut. Die verunfallten Trupps befanden sich nämlich nicht am Ende des Schlauches beim Strahlrohr. Spätestens jetzt, hätten die Sicherheitstrupps eine Leine legen müssen. Legt man die Leine von Beginn des Sicherheitstruppeinsatzes an, dann muss man zu einem späteren Zeitpunkt keinen Festpunkt suchen.

Speziell für Szenario eins hatte ich gehofft, dass der Sicherheitstrupp aufgrund der bekannten Lage ein eigenes Rohr vornimmt und damit dieses Rohr als Rückzugsicherung fungiert. Auch das geschah nicht. Hier entzündete sich dann die Diskussion, ob es angemessen ist, bei einem Mayday-Fall eine Zeitverzögerung durch Legen einer eigenen Leitung in Kauf zu nehmen und noch mehr „Geraffel“ mitzuschleppen. Nicht ohne Grund hatte ich den Einheitsführern vier Geräteträger zur freien Verwendung zur Verfügung gestellt. Meine Idee war eigentlich, dass nicht alle vier Mann gleichzeitig, sondern zeitversetzt zum Einsatz kommen sollten. Während die ersten zwei Mann mit Suchen und Stabilisieren beschäftig sein sollten, sollte der zweite Trupp die Rettung vornehmen.

Zum Thema Kommunikation muss ich wenig sagen, denn – wie schon an anderer Stelle geschrieben – wir kommunizieren zu wenig. Standortwechsel, Lageänderung und Maßnahmen sind immer dem Einheitsführer zu melden, egal ob es sich um den Angriffs- oder den Sicherheitstrupp handelt. In Szenario zwei hatte ich die Causa Tübingen nachgestellt. Der letzte bekannte Standort war das 2. OG, der Sicherheitstrupp fand das Rohr aber im 3. OG und den Unfalltrupp selbst im 4. OG. Hierbei fiel mir auf, dass der Standortwechsel von 2 nach 3 nach 4 nicht der ASÜ mitgeteilt wurde.

Ob mein Szenarien nun realistisch waren oder nicht, ich habe meine Ziele erreicht: Möglichst viel Stress erzeugen, Improvisation einfordern, aber auch Themen wie Kommunikation und Rückzugsicherung in die Köpfe zu bringen. (Autor: STefan Cimander, www.fwnetz.de)

Disclaimer: Mit diesem Artikel soll keine bestimmte Feuerwehr kritisiert oder in Misskredit gebracht werden. Die  hier beschriebenen Beobachtungen sind in vielen Übungen anderer Feuerwehren nachvollziehbar und auch mehrfach in der Literatur beschrieben.  Diese Übungsdarstellung spiegelt damit lediglich den allgemeinen (Zu-)Stand der Ausbildung wieder. Dieser Artikel bringt meine persönliche Meinung zum Ausdruck.

Literatur (zum Nachschmökern)

  • Atemschutzunfaelle.eu
  • Cimander, Stefan (2009): „Man muss über Unfälle reden, um daraus lernen zu können“. Veröffentlicht auf www.fwnetz.de am 4. Juni 2009.
  • Cimolino, Ulrich; Dirk Aschenbrenner; Thomas Lembeck; Jan Südmersen (2002): Atemschutz: Sicheres und effizientes Vorgehen, Suchverfahren, Notfalltraining. inkl. Forderungen nach FwDV 7. Hrsg. v. Ulrich Cimolino. Heidelberg: Hrsg. v. Ulrich Cimolino. Heidelberg
  • Cimolino, Ulrich; Adrian Ridder; Björn Lüssenheide; Christian Reeker, Jan Südmersen (2010): Atemschutz-Notfallmanagement: Organisation, Ausbildung und Ausrüstung für Sicherheitstrupps und Schnelleinsatzteams. Hrsg. v. Ulrich Cimolino. Heidelberg: Verlag Ecomed Sicherheit.
  • Feuerwehrdienstvorschrift FwDV 7: Atemschutz
  • Feuerwehr Köln (1996): Unfallkommission Einsatz Kierberger Straße 15, 06.03.1996, 13.42 Uhr. Schlußbericht.
  • Höfs, Tobias E.; Torsten Vollbrecht (2011): Atemschutztraining – realitätsnah und sicher. Stuttgart: Kohlhammer.
  • Kleist, Per, Wolfgang Joost, Thomas Kirsten, Dirk Prell (2009): Berliner Feuerwehr: Einrichtung einer Atemschutz- Notfall-Trainierten Staffel. Mehr Sicherheit im Atemschutzeinsatz durch Ergänzung der Sicherheitstrupps. In: Brandschutz. Deutsche Feuerwehrzeitung, Nr. 9, S. 698-704.
  • Krüger, Wilfried, Thorsten Vollbrecht (2006): Rette sich wer kann! Das Atemschutznotfalltraining (ANT) der Berliner Feuerwehr. In: Brandschutz. Deutsche Feuerwehrzeitung, Nr. 4, S. 247- 252.
  • Nobis, Jakob; Volkmar, Guido (2009): Das neue Sicherheitstruppkonzept der Feuerwehr Düsseldorf. In: Brandschutz. Deutsche Feuerwehrzeitung, Nr. 10, S. 802-811.
  • Weich, Andreas; Ulrich Cimolino (2008): Schnelleinsatzteam für den Atemschutzeinsatz. In: Brandschutz. Deutsche Feuerwehrzeitung, Nr. 3, S. 173-183.

Kommentare

3 Kommentare zu “Mikro-Management im Mayday-Fall” (davon )

  1. Towae M. am 21. April 2011 08:49

    Ich kann deine Beobachtungen nur bestätigen. Die Diskussionen mit den Kameraden zur führen gestaltet sich zudem schwierig, besonderst dann, wenn man es nicht schafft sie in die diskutierte Lage zu bringen.
    Glücklicherweise ist das nicht Gegenstand eines jeden Atemschutzeinsatzes, daher muss es geübt werden und dann eben etwas anspruchsvoller.
     
    Daumen hoch für diesen Artikel !

  2. Steve Homberg am 22. April 2011 00:24

    Mit Sicherheit hast Du die Finger in die richtige Wunde gelegt! Das komplette Einsatzstellen-Notfallmanagement sollte viel näher in das Bewußtsein aller Kameraden gerückt werden. Warum bildet die BF Berlin wohl ANT-Staffeln aus, warum sollte immer über eine Rüchzugswegsicherung mittels Anleiterbereitschaft nachgedacht werden, warum gehört an jede Einsatzstelle mit Trupps unter Atemschutz im Innenangriff ein Rettungswagen und zwar auch auf dem „Dorf“….???!!! Die Antwort: Wir sind alle „nur“ verletzbare Lebewesen die einer gefahrengeneigten Tätigkeit mit relativ hohem unkalkulierbarem Restrisiko nachgehen. Diesem Restrisiko gilt es mit allen uns zur Verfügung stehenden technischen, organisatorischen und personellen Mitteln entgegen zu wirken. Und für den „SUPER-GAU“ auch mal über ein Testament und Lebensversicherung für die Lieben daheim nachdenken!

  3. Michael Ochs am 22. April 2011 09:15

    sehr sehr guter Artikel, und fast überall bestehen die gleichen Mängel… auffallend finde ich immer dass „wieviel Geraffel sollen wir noch mitnehmen?“

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