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(sc). Ich bin seit 13 Jahren aktiv bei der Feuerwehr. In diesem Jahrzehnt habe ich nicht nur unterschiedliche Formen der Alarmierung erlebt, sondern auch ein anderes, mit dem Alarmstichwort zusammenhängendes Phänomen beobachtet: Das Rosinenpicken.

Sicherlich kennt ihr dieses Verhalten: Je nach Alarmstichwort und/oder Objekt variiert die Antrittstärke im Feuerwehrhaus. Heißt es „BMA“, dann schaltet man den Piepser wie einen Wecker aus und begibt sich wieder ins Reich der Träume, heißt es „Feuer“, dann schmeißt einen das Adrenalin aus dem Bett und man ist bestrebt einen der Atemschutzplätze auf dem Fahrzeug zu ergattern. Eigentlich finde ich dieses Verhalten nicht nur unkameradschaftlich – weil die anwesenden Kameraden immer den Ärger bei mangelnder Antrittstärke abbekommen – sondern auch gefährlich. Uneigentlich kann ich das Verhalten sogar nachvollziehen. Denn wenn regelmäßig oder fast ausschließlich ein BMA aufläuft, dann blendet man den Alarm irgendwann aus – gerade um 3 Uhr morgens. Um es anders zu formulieren: Die BMA zehrt an der Motivation! Andererseits – und das muss ich zur Ehrrettung der BMA sagen – habe ich es in den letzten Jahren mehrfach erlebt, dass sich BMA-Alarme als Brände entpuppten, darunter sogar ein Großbrand.

Nun frage ich mich, wie man dieses Verhaltensmuster austricksen könnte. Hier kommt nun die Art der Alarmierung ins Spiel. Ich kenne inzwischen einige Arten, zu einem Einsatz gerufen zu werden: Analoger Funkalarmempfänger mit und ohne Durchsage, digitaler Pager mit Textnachricht, Warnsirene und Telefonanruf.

Der Telefonanruf scheidet als generelle Form der Alarmierung aus, weil in kurzer Zeit nicht genügend Feuerwehrleute erreichbar sind. Er ist eher dann geeignet, wenn es eine gewisse Vorlaufzeit gibt. Vorteil des Telefongesprächs: In der direkten Gesprächssituation können z.B. Fragen sofort beantwortet werden. Zudem vermittelt der Anruf so etwas wie Exklusivität im Sinne von „Ich werde persönlich gefragt“. Das ist gut für die Motivation.

Zugegeben mit der Warnsirene bin ich nur einmal zu einem Einsatz gerufen worden – trotz Piepser. Das Auslösen der Sirene führte zu einem, ich nenne es mal „aktivierenden Effekt“, der mich zum Feuerwehrhaus eilen lies. Die Alarmierung mit der Sirene ist in weiten Teilen der Republik inzwischen unbekannt, sodass das Auslösen der Sirene in diesen Gebieten eher zum Gang in Richtung Feuerwehrhaus (ver)führt. Schließlich will man wissen, was los ist und warum man auf diese ungewöhnliche Weise gerufen wird. Dort wo die Sirene das Mittel der Wahl ist, fehlt dem Feuerwehrmann die Information, was passiert ist, sodass er nicht aufgrund eines Einsatzstichwortes wählen kann, ob man heute Feuerwehr spielt oder nicht. Hier stellt sich nur die Frage „geht gerade“ oder „geht gerade nicht“.

Ähnlich verhält es sich mit der analogen Alarmierung ohne Durchsage. Es kann der 112te BMA im gleichen Hotel sein, es kann aber auch ein Verkehrsunfall oder ein Feuer sein. Rosinenpicken ist hier allerdings nicht möglich, analog zur Warnsirene. Auf die Dauer ist diese Form der Alarmierung allerdings womöglich suboptimal, denn irgendwann, z.B. nach der vierten Alarmierung an einem Tag, fängt man schon an, sich bewusst gegen den Weg zur Wache zu entscheiden. Irgendwann stellt sich nämlich die Frage nach der Relevanz und Gewichtung zwischen Feuerwehr und Privatleben. Theoretisches Hirngespinst? Mitnichten! Als nahezu jeden Tag (und teilweise mehrfach) der Piepser Geräusche von sich gab, stand ich eine Zeit lang eben vor genau dem Problem der Gewichtung.

Gängig ist die analoge Alarmierung mit mehr oder weniger aussagekräftigen Alarmstichworten. Einerseits helfen diese sich mental auf die Situation einzustellen, andererseits besteht hier die größte Gefahr des Rosinenpickens. Hört man „Feuer“ sind die Beine schneller im Feuerwehrhaus als der Kopf, hört man „BMA“, dann fragt man sich, welches Gerät eben Geräusche von sich gegeben hat. Die Alarmierung mit Pager hatte gegenüber der Alarmierung mit Durchsage den Vorteil, dass ich die Alarmuhrzeit sehen konnte. Ansonsten besteht auch hier die Gefahr des Rosinenpickens.

Wie man es nun dreht und wendet, die Antrittstärke lässt sich durch die Art der Alarmierung wohl nicht wesentlich erhöhen. Motivation, auch zu einer BMA auszurücken, ist auf eine andere Weise zu generieren.

Kommentare

13 Kommentare zu “Der Piepser ruft, aber niemand folgt ihm” (davon )

  1. Albert Kißlinger am 7. Juli 2011 14:08

    Sehr guter Artikel, der mit sehr aus der Seele spricht.
    Meiner Meinung ist die einzige Möglichkeit da etwas Besserung zu schaffen, wenn die Führung mit gutem Beispiel vorangeht.
     
    Viele Grüße,
    Albert

  2. Christian Kulenkampff am 7. Juli 2011 16:27

    Eine Perfekte Lösung gibt es dazu leider nicht, nur wenn der FM nicht mal sehen kann, ob es eine Ölspur oder ein VU klemm ist, wird man sich über kurz oder lang Probleme mit den Arbeitgebern einhandeln, die sonst ihre Leute gerne gehen lassen.

    Super Artikel

  3. Christian Braun am 7. Juli 2011 16:47

    Auch von mir ein Danke für diese schöne Diskussion.

  4. Sebastian Rak am 7. Juli 2011 18:17

    Gerade beim Thema BMA ist es daher ganz wichtig, diese Einsätze den Betreibern teuer abzurechnen! Im KH im eigenen Beritt hatten wir dieses Phänomen, plötzlich war die regelmäßige Wartung der Anlage günstiger als wöchentlich mehrere k€ in Rechnung gestellt zu bekommen.
    Ansonsten kann ich dir nur zustimmen!

  5. Bolde112 am 7. Juli 2011 18:52

    Wir haben eine BMA im Schullandheim und dort geht im Jahr ca. 4x der Alarm. Selbst bei dieser kleinen Anzahl sagen die meisten meiner Kameraden, Schullandheim…ach da kommen wir nicht, ist ja sowieso nur Fehlalarm. Ich warte auf den Tag, an dem wir mit 4-6 Kameraden anfahren und uns schon der rote Feuerschein auf der Anfahrt begrüßt und du mit einem Maschinist, einem Gruppenführer, maximal 2 AGTs und sonst nur Mannschaft den Erstangriff einleiten sollst und womöglich noch Schulkinder aus ihrer misslichen Lage befreien sollst/willst. Was Albert sagte, dass die Führung mit gutem Beispiel vorangehen sollte…ich glaube das bringt nix. Bei uns ist meist immer der stellv. Wehrführer anwesend, Gruppen- und Zugführer auch, dennoch bleibt die Mannschaft aus. Ich denke hier sollte man eindringlichst auf die Leute einreden, was wäre wenn bei euch usw…
    Wenn sie in Scharen kommen, dann zumeist nur wenn es etwas umsonst und völlig gratis kostenfrei und kostenlos gibt. Dann sieht man urplötzlich Kameraden, die das ganze Jahr keine Übung und keinen Einsatz oder anderweitig mal einen Fuß ins Feuerwehrhaus gesetzt haben.

  6. Markus Held am 7. Juli 2011 19:45

    Guter Artikel!
    Wachbesetzungen freiwilliger Feuerwehrleute bei BF- oder ständigen Wachen dürften noch mehr an der Motivation zehren, als BMA-Alarme oder Ölspur.
    Ansonsten möchte ich für meinen Teil nicht aufs Alarmstichwort bei der Alarmierung verzichten (v.a. wegen der Problematik der Gewichtung zwischen Feuerwehr und restlichem Leben).

  7. Steve Homberg am 7. Juli 2011 22:18

    Hi Ihr! Also mit gutem Beispiel vorrangehen ist wirklich erst einmal DER GRUNDSATZ und dann folgen ca. 1000 Evtl´s und Möglichkeiten! Bei wiederholten Alarmen- Rechnung stellen! Jede Ursache für eine Auslösung versuchen herauszufinden und abzustellen. (Bei uns z.B. in der Nahrungsmittelindustrie, Reinigungsarbeiten mit Hochdruckreinigern-Aerosolbildung-Piep-Piep-Piep, oder ein IR-Melder der von der Sonne geblendet immer zur gleichen Tageszeit-Sonnenstandabhängig ausgelöst hatte-nachdem wir Ihm einen „Sonnenschirm“ gebastelt hatten-nada de nada mit Piep-Piep-Piep) Den Betreiber über moderne Tandemmelder informieren und Einbau an den häufigsten P-P-P-Stellen empfehlen. In der Aufschaltrichtlinie des Landkreises, kann auch in Ausnahmefällen eine Zweimelder-Abhängigkeit gefordert werden. Bedeutet, dass in einem Raum zwei Melder das Feuer detektieren müssen bevor Alarm zur Feuerwehr durchgestellt wird. Der erste Melder macht hausintern trotzdem Alarm. Dies ist die schlechtere Variante und muss unbedingt mit der Gebäudeversicherung abgeklärt werden etc. Den BMA-Alarm darf die Leitstelle natürlich unter dem Stichwort F2 (Feuer 2=Brandmeldung mit Löschzugeinsatz) o.ä. verstecken.

  8. Jan am 8. Juli 2011 12:10

    Durchsage auf „Einsatz für …“ oder „Auftrag für …..“ beschränken.

  9. Christian Lewalter am 8. Juli 2011 16:21

    Hier bekommen üblicherweise nur die Führungskräfte die Durchsage, was wo anliegt. Auf der Mannschaftsschleife wird dann nach Dringlichkeit Alarm für.. oder Einsatz für.. durchgesagt.

  10. alex am 9. Juli 2011 06:40

    Bei uns kommen mittlerweile zu kritischen Einsätzen weniger zum Löschzugalarm als vorher bei analoger Alarmierung und Durchsage…
    Ohne mehrfachen Alarm geht garnix. Warum? Weil viele eigentlich nicht von der Arbeit weg können, bei einem Einsatz mit Menschenrettung trotzdem gegangen sind. Die gehen jetzt halt erst, wenn der Melder das 3. Mal ausgelöst hat..
    Jeder der gehen kann und kein Bock auf eine BMA hat, dem gehört der Melder erstmal 1 Monat abgenommen.. Und Leuten, die nur im Ausnahmefall von der Arbeit weg können, gehören unterstützt. Hier wird gerade diskutiert, ob die SMS zusätzlich bekommen, die mehrfache auslösung der Melder bei bestimmten Stichworten regulär in der LST hinterlegt werden soll oder Textmelder beschafft werden sollen… Eine Umstellung der RICs und SubRICs wird vom Kreis bisher vehement abgelehnt, „damit alles einheitlich ist“…

  11. Stefan Hauf am 9. Juli 2011 19:45

    @Christian: Wie muss man sich das mit den unterschiedlichen Durchsagen vorstellen?
    Führungsschleife – genaue Durchsage – Mannschaftsschleife – kurze Durchsage?

  12. FireFighter_247 am 10. Juli 2011 22:10

    Bei uns im LK wird generell nur mit stichworten wie ‚Tätigkeit‘ oder ‚Einsatz‘ alarmier. Klar, auch hier kann man ‚Rosienen picken‘ aber ich denke mal die warscheinlichkeit ist schonmal etwas geringer.

  13. Meine Meinung am 11. Juli 2011 11:56

    Ich kann alle verstehen die sich mal sagen ich bleib liegen egal ob BMA oder Ölspur. Das es bei vielen Feuerwehren Personalprobleme gibt wundert mich auch nicht. Keiner unterstützt die Feuerwehren großartig, die Einsatzvergütung wurde bei uns auch noch abgeschafft also macht man alles für gar nichts! Und was bekommt man zum Dank? Nichts! Es kommt immer öfters vor das wir uns mit Mitbürgern streiten müssen ob z.B. unsere Fahrzeuge laufen müssen wenn wir ein Einsatz haben oder ob es nötig ist das wir mit Martinhorn fahren usw. Ein Dank der Gemeinde gibt es auch nicht. Bei uns werden Frauen geehrt die 5 Jahre Küchendienst auf irgendwelchen Festen gemacht haben aber um als Feuerwehrmann mal was zu bekommen muss man mindestens 25 Jahre dabei sein. Sowas ist lachhaft. Ich gebe es auch zu ich mach mein Melder auch aus bei manchen Einsätzen. Gutes Beispiel: Man wird nachts von der Polizei alamieren lassen wegen Baum auf der Fahrbahn. Man kommt hin und was ist? es liegt ein Ästchen mit 5 cm Druchmesser auf der Gasse und 4!!!!! Streifenwagen speeren die Straße ab!!! 1!!! Feuerwehrmann steigt aus nimmt den Ast und legt in hinter die Leitplanke. Da solche sinnlosen Alarme keine Seltenheit sind wunderts mich nicht wenn jeder erstmal genau hin hört bevor er aus dem Bett steigt. Und wenn ich es bei am Beispiel unserer Wehr sehe kann ich sagen das es in 5-10 Jahren Massive  Probleme geben wird selbst bei einer Brand Meldung. Trotz 60 Aktiver Feuerwehrleute kann man je nach Alarm froh sein wenn 5 kommen und dank immer mehr Arbeiten die man um sonst machen soll wird es nicht besser. Früher gab es Überstunden für den Hauptamtlichen Gerätewart wenn er nach einem Einsatz was machen musste jetzt heißt es das macht der freiwillig und die anderen Freiwilligen sollen auch mal was tun. mit solchen Sprüchen steigt die Moral in der Mannschaft!
    ach ich könnt mich noch über viel mehr aufregen…..

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