Seit geraumer Zeit werden bei vielen Feuerwehren vermehrt sog. „Standard-Einsatz-Regeln“ (SER) eingeführt.
Vor einigen Jahren waren die bewährten FwDVen u.a. technisch überholt, so dass eine Neufassung erforderlich wurde. Dies dauerte durch den Föderalismus bedingt, zugegeben, sehr lange.
Die Ergebnisse wurden leider nicht abgewartet, sondern es etablierten sich vermehrt „Eigenkreationen“ die durch den von U. Cimolino und J. Südmersen geprägten Begriff „Standard-Einsatzregel“ umgesetzt wurden.
Ist dies aber der Richtige weg?
Schaut man sich die vielen SER der Feuerwehren an, so erinnern sie oft eher an allgemeine Ausbildungshinweise. Oft wird hier in anderen Worten wiedergegeben, was in den etablierten FwDV bereits geschrieben steht oder derzeitiger „Stand der Technik“ ist. Es scheint, die SER dienen zum wiederholten Mal der allgemeinen Auseinandersetzung mit dem Thema. Ist dies aber nicht Aufgabe einer umfassenden Ausbildung und nicht einer detaillierten Einsatz-Ablauf-Beschreibung?
Tendenziell ist zu erkennen, dass für immer speziellere Einsatzsituationen spezielle SER entworfen werden (Wohnungsbrand, Zimmerbrand...mit und ohne Menschenrettung, Hochhausbrand bis zum/ab dem Xten OG, Tiefgaragenbrand, VU mit 1,2,3..PKW) .
Wie sieht den der Standard-Einsatz Menschenrettung aus? Immer 1 Person (natürlich 45kg) genau dort vermutet? Zugänglichkeit immer sofort erkennbar? Sicherheitstrupp immer vom 2.Fahrzeug, oder muss der auf der Gebäuderückseite ein Rohr vornehmen? Wer kann und will so etwas den von vorn herein festlegen!
Uns selbst wenn: Kann sich den wirklich jede Einsatzkraft jede Aufgabenfunktion für jede Einsatzsituation merken? Vor allem bei den Freiwilligen Feuerwehren habe ich da meine Bedenken (Doppelbelastung Beruf). Aber auch als Berufsfeuerwehrmann gerät man da schnell an seine Grenzen.
Es macht zwar einen besonderen Reiz aus alles Mögliche im Voraus festzulegen, mit der Idee, dann vor Ort besser und schneller arbeiten zu können.
Die Erfahrung zeigt aber, dass die Einsatzsituationen vor Ort zwar oft ähnlich, die Gegebenheiten (örtlich, zeitlich, personell) aber immer(!) verschieden sind. Helfen uns da starre Vorgaben weiter?
Bei fast jedem Einsatz ist es so, dass die auf der Anfahrt „in den Köpfen“ angenommene Situation sich an der Einsatzstelle völlig anders darstellt. Der Mülltonnenbrand wird zum Gebäudebrand mit Menschenrettung, der Wohnungsbrand zum „Essen auf dem Herd“. Personalreduzierte Züge müssen unter Umständen, je nach Lage, fachlich/örtliche Abschnitte bilden um den Gefahren sinnvoll begegnen zu können.
Es zeigt sich, dass die Einsatzkräfte vor Ort extrem flexibel sein müssen und ihre Maßnahmen immer an die Gegebenheiten anzupassen haben. Künftig wird an den Einsatzstellen vermehrt mit zusammengesetztem Personal von verschiedenen Wehren / Wachen gearbeitet werden müssen (Additionsprinzip). Interne „SER“ und Festlegungen stellen hierbei die Zusammenarbeit und den Einsatzerfolg in Frage.
Viel erfolgversprechender (und das zeigt auch die tägliche Praxis) sind daher keine starren Regeln, sondern eine klare und strukturiert Auftragstaktik an der Einsatzstelle. Wir bilden den mittleren Dienst heute zu „selbstdenkenden“
Gruppen-/Fahrzeugführern aus, wollen dann aber festschreiben dass er als Truppmann X immer den Druckbelüfter nach vorne zu bringen hat bzw. sich immer zwingend mit diesem oder jenem Werkzeug auszurüsten hat (das weiß der Kollege doch selbst am besten womit er die Tür am einfachsten aufbekommt !).
Es entsteht der Eindruck, dass durch SER die Zug- und Fahrzeugführer von ihrer Führungsverantwortung entbunden werden sollen (oder auch wollen?). Die Forderungen nach SER, und es erstaunt nicht dass diese meist aus der Mannschaft kommen, rühren vermutlich von der fehlenden „hautnahen“ Führung der unteren Führungsebene (Fahrzeugführer) her. Wer besetzt denn die Fahrzeugführer in der Regel und welche Führungs-Ausbildung haben diese Kollegen/Kameraden seit ihrem BIII / Gf-Lehrgang erhalten bzw. wie lange ist die her? Da werden Fahrzeugführer zur Erkundung irgendwo hindelegiert und der Zugführer greift durch alle Ebenen durch. Das die Mannschaft da desorientiert mit den Achseln zuckt ist klar!
Viele starre Festlegungen für den Einzelfall (SER) bringen uns nicht weiter (war nicht gerade das „Hofballett“ in der Ausbildung so verpönt?). Wir brauchen grundsätzliche, allgemeinverbindliche Arbeitsgrundlagen wie sie die FwDVen bieten. Darüber hinaus kann man im Vorwege wenig festlegen.
Es muss an den Einsatzstellen durch den Zugführer konsequent und situationsabhängig in der Auftragstaktik gearbeitet werden. Der Zugführer muss in der Lage sein, alle taktischen Maßnahmen zu kennen, die richtigen anzusagen und die Fahrzeugführer müssen diese, mit Hilfe ihrer Erfahrung, richtig umsetzen. Dafür brauchen wir eine stetige Aus- und Fortbildung der untersten Führungsebene (Fahrzeugführer), damit diese über ein breites Führungs- und Fachwissen verfügt. Nur dies stellt schließlich den Einsatzerfolg sicher.
Darüber hinaus machen Festlegungen nur dann Sinn, wenn sie strukturelle Vorraussetzungen beschreiben (AAO, Führungs-/Funkkonzept). Detail-Operative Erbsenzählerei macht uns blind für die wichtigen Dinge im Einsatz! Diese Energie kann besser in eine breite und umfangreiche Ausbildung investiert werden.
M.E. zeugen starre Festlegungen in SER von fehlendem Vertrauen zwischen Mannschaft und Führung, Aktionismus und vor allem von mangelnder Einsatzerfahrung.
FWNetz » Taktik und Ausbildung
SER warum nicht FwDV?
(5 posts)-
vor 6 Monate veröffentlicht #
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Reine Interpretationssache. Die FwDV ist in vielerlei Hinsicht sowas wie Basis, aber wenig hilfreicih, wenn es darum geht, wie man das eigene vorhandene Gerät bei bestimmten Situationen einsetzt.
Wer eine SER als starres Gebild wahrnimmt, hat den Sinn eher nicht verstanden oder fehlinterpretiert, Vielmehr wird ein "standardeinsatz" definiert um den Handlusngsstrang festzulegen. Es sollte klar sein, dass jeder Einsatz anders ist, aber ich habe einen roten Leitfaden, an dem ich mich orientieren kann. Falsch ist, in einer SER den letzten Handgriff festzulegen.
In keiner FwDV ist beispielsweise das ZUsammenwirken der verschiedenen in der jeweiligen AAO festgelegten Fahrzeuge definiert, und diese variieren nunmal von Wehr zu Wehr.
Man muss auch nicht für jeden Fall eine SER vorhalten, aber zumindest "Zimmerbrand 1 .OG" sowie "THL VU mit 1 PKW Person eingeklemmt", und zwar auf die jeweilige Wehr abgestimmt, ist absolut sinnvoll. Oder steht in der FwDV von welcher Wehr der zweite Rettungssatz kommen soll, und wie der Funkrufname des führenden Fahrzeugs lautet?
vor 6 Monate veröffentlicht # -
Die FwDV geben einen guten "Roten Faden" ab und haben sich bewährt! Gerade für einen „Zimmerbrand 1.OG“ eine SER festzulegen halte ich für grenzwertig. Brandverlauf und Einsatzstellendynamik sind vorher nie bekannt. Vor allem bei FFen treffen ja die Fahrzeuge zeitversetzt ein. Oder es kommt ein Fahrzeug von einer ganz anderen Wehr. Hier zeigt sich, dass die Handlungsabläufe nicht über eine Gruppe hinaus festgelegt werden können. Der Einsatz und die Führung eines Zuges kann nur Lageabhängig erfolgen. Was nützen Festlegungen in SER, wenn sie nur bei 3 von 10 Einsätzen passen? Der Einsatzleiter muss alle erforderlichen Maßnahmen kennen, und sie dann als Auftrag umsetzen lassen. Übrigens: die Arbeitsweise einer Löschgruppe/-Staffel ist ja sehr gut in der FwDV festgelegt. Warum das Rad neu erfinden?
Ansonsten: (geschrieben) "Darüber hinaus machen Festlegungen nur dann Sinn, wenn sie strukturelle Vorraussetzungen beschreiben (AAO, Führungs-/Funkkonzept)."
Es ist aber auch nicht das Ansinnen von "Standard-Einsatz-Regeln" so etwas festzulegen, wenn ich es richtig verstanden habe!In einigen Ländern sind FwDV auch als Verwaltungsvorschriften eingeführt. Hiervon Abweichungen zu etablieren ist also auch rechtlich bedenklich.
vor 6 Monate veröffentlicht # -
Ich halte SER für ein wichtiges Bindeglied zwischen den DVen und der Mannschaft! Denn Irakli West hat es schon treffend im seinen Beitrag auf dem Punkt gebracht. Zitat: "Oder steht in der FwDV von welcher Wehr der zweite Rettungssatz kommen soll, und wie der Funkrufname des führenden Fahrzeugs lautet? "
Natürlich sollte das Mitdenken (egal ob nun GF oder Trupp) auch mit SER stattfinden und natürlich ist jeder Einsatz verschieden. Doch gerade bei den Freiwilligen Feuerwehren ist in meinen Augen eine SER sehr sinnvoll. Denn gerade weil dort Feuerwehrangehörige aus den verschiedenen Berufsgruppen kommen ist es wichtig, dass es einen roten Faden im Einsatz gibt, an dem man sich orientieren kann. Denn so lässt sich die Gefahr eines chaotischen Ablaufes an einer Einsatzstelle vermeiden. Wichtig ist es auch, dass andere Wehren wissen wie die Nachbarwehr arbeitet. Denn sonst macht durchaus eine SER nur wenig Sinn. Ich gebe J.Schmidt recht, wenn er sagt, dass es nicht viel bringt, dass in einer SER Punkte aufgenommen werden, die die Aussagen aus der Ausbildung wiedergeben. Denn dies verfehlt wirklich den Sinn der SER! Also hier muss man schon verantwortungsbewusst mit der Erstellung einer SER umgehen. Daher sollte man nicht, irgendetwas aus dem Hut zaubern.
Mein Fazit: Bei den bisherigen Aussagen gibt es kein Richtig oder Falsch! Es kommt nur darauf an, aus welcher Perspektive man dieses Thema betrachtet. Und man sollte verantwortungsbewusst beim Umgang mit einer SER sein .vor 5 Monate veröffentlicht # -
Auch ich halte SER's für sehr sinnvoll, wenn:
- sie grundlegend einfach sind
- nicht zu sehr ins Detail gehen
- Spielraum für Abweichungen lassen
- als Merk-Hilfe für (nicht alltägliche) Situationen angewendet werdenZusammengefasst denke ich, dass eine etwas modifizierte Checkliste, mit der man sich durch einen Einsatz hangeln kann, genau die SER ist, die sie sein soll.
Auch denke ich, dass SER's nur als Ergänzung zu hoffentlich vorhandenen Grundlagen dienen.
Beispiel für eine (meiner Meinung nach optimale) SER Gefahrgut:
- Fahrzeugaufstellung (Abstand / Wind)
- Gefahrenanalyse (AAAABCEEEEV)
- G - Gefahr erkennen
- Stoffanalyse (TUIS / Fachlabore, ...)
- A - Absperren (Absperr- & Gefahrenbereich)
- M - Menschenrettung
- Eigengefährdung abwägen
- Einsatzdauer verkürzen
- Deckungsmöglichkeiten nutzen
- S - Spezialkräfte anfordern
- Brandbekämpfung (3-fach)
- Dekon-Bereich aufbauen
- Ausbreitung verhindern (Eigengefährdung)
- Stoffe auffangen (Eigengefährdung)
- Dekon (Mannschaft & Gerät)vor 4 Monate veröffentlicht #
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