Rezension: “Atemschutz-Notfallmanagement”
3. September 2010 von Stefan Cimander · Kommentieren
(sc). „Der beste Sicherheitstruppeinsatz ist der, der gar nicht erst stattfinden muss“ schreiben die Autoren des Buchs „Atemschutz-Notfallmanagement“ zu Beginn. Weil dieser Einsatz jedoch nicht auszuschließen ist, legt das Buch in 14 Kapiteln theoretische und praktische Grundlagen für Ausbildung, Taktik und Organisation eines Atemschutznotfallkonzepts dar.
Einteilung des Buches
Das Buch lässt sich in einem theoretischen und einen praktisch-taktischen Teil gliedern. Der theoretische Teil stellt die historische Entwicklung, Unfallursachen, Sicherheitstruppkonzepte und -typen dar. Im praktisch-taktischen Teil behandeln die Autoren die Einsatzvorbereitung und -planung, die Tätigkeiten des Sicherheitstrupps, Varianten der Atemluftversorgung, Varianten der Sofort- und schonenden Rettung, Verhalten in Notfällen, Retten aus Höhen und Tiefen sowie die Ausbildung.
Inhalt der Kapitel
Das erste Kapitel stellt knapp die „historische Entwicklung des Sicherheitstrupps“ dar. Erst mit dem tödlichen Unfall von Brandmeister Stampe (Feuerwehr Köln) trat der Sicherheitstrupp ins Bewusstsein, schreiben die Autoren.
Im Kapitel „Ursachen für Atemschutznotfälle“ indizieren die Autoren externe und menschliche Faktoren, die zu einem Atemschutznotfall führen können. Dabei konstatieren sie, dass Unfälle meist in einer Kausalkette begründet liegen.
Kapitel 3 beschreibt ein Sicherheitstruppkonzept. Dabei stellen die Autoren eine Liste mit Anforderungen auf. Zugleich fordern sie realistische Planungsgrundlagen bezüglich Personalressourcen und Kooperation mit anderen Feuerwehren. Jeder Sicherheitstruppeinsatz ist neben rechtlichen auch einem zeitlichen Aspekt unterworfen, wie die Autoren betonen.
Im Kapitel „Sicherheitstrupptypen“ stellen die Autoren verschiedene Konzepte von leichtem, schwerem und kombiniertem Sicherheitstrupp, SET- bzw. On-Deck-Konzept vor und charakterisieren Ausrüstung, Taktik und Ausbildung. Dabei akzentuieren die Autoren, dass ein Sicherheitstrupp gut geplant und ausgebildet sein muss. Besonders interessant ist das Thema Sicherheitstrupp und ABC-Einsatz, das ein wenig beschriebenes Thema darstellt. Die Autoren zeigen den enormen Personalbedarf, legen aber auch Probleme der Rettung und die Vereinbarkeit von FwDV 500 und FwDV 7 dar.
Kapitel 5 widmet sich der „Einsatzvorbereitung und -planung für einen erfolgreichen Sicherheitstruppeinsatz“. Die Autoren bringen zum Ausdruck, dass nur mit der richtigen Führungsstruktur, einer geeigneten AAO und Reserveplanung sowie einer belastbaren Kommunikationsinfrastruktur ein Atemschutznotfall zu bewältigen ist. Dazu gehören auch taktische Ventilation und ein umfangreiches Verständnis von Atemschutzüberwachung.
Das Kapitel „Tätigwerden des Sicherheitstrupps“ beschreibt die Bereitstellung, Tätigkeiten während Bereitstellung, Einsatz, Suchen und Retten des verunglückten Trupps. Dass ein Sicherheitstrupp nicht nur seine Zeit „absitzt“, sondern am Einsatz aktiv teilnimmt, erörtern die Autoren anhand von möglichen Tätigkeiten, die der Sicherheitstrupp wahrnehmen kann. Gerade das Suchen und Retten beschreiben die Autoren intensiv. Dabei zeigen die Autoren durch Gegenüberstellung die Vor- und Nachteile von schonender und Sofortrettung.
In Kapitel 7 „Varianten zur Sicherstellung der Atemluftversorgung“ geben die Autoren verschiedene Arten und das Vorgehen bei der Sicher- und Wiederherstellung der Atemluftversorgung wieder. Die Autoren kritisieren insbesondere die Fixierung auf den Maskenwechsel und plädieren als einfachste Methode auf den Wechsel des Lungenautomaten.
Im Kapitel „Varianten der Sofortrettung“ erläutern die Autoren Taktik und Ausrüstung zur Rettung von Atemschutzgeräteträger. Die Autoren legen dar, dass zu viele Hilfsmittel den Trupp langsam machen. Die Ausbildung der Rettungsmethoden muss so einfach wie möglich gestaltet sein. Die Autoren zeigen dazu verschiedene Rettungsverfahren. Im folgenden Kapitel „Varianten zur schonenden Rettung“ legen die Autoren dagegen Taktik und Hilfsmittel für eine schonende Rettung dar.
Dass sich ein verunfallter Trupp in gewissem Maß selbst helfen kann, legen die Autoren im Kapitel 10 „Verhalten in Notfällen – Selbsthilfe bzw. Selbstrettung“ dar. Dazu gehören neben dem korrekten Mayday-Ruf auch bestimmte Reflexhandlungen, wie z.B. der Griff zum Flaschenventil.
Im Kapitel „Rettung aus Höhen und Tiefen“ schildern die Autoren Varianten der Fremd- und Eigenrettung aus Höhen bzw. Fremdrettung aus Tiefen.
Die Atemschutzausbildung ist mehrfach Thema, ist aber in Kapitel 12 „Ausbildung – Notfalltraining“ nochmals primärer Gegenstand. Zur Ausbildung gehört neben der Wiederholung von Grundlagen auch die Realitätsnähe. Teil der Ausbildung muss aber auch die Psychologie sein, insbesondere die Entstehung von Stress und das Stressmanangement. Das Thema Informationsverarbeitung spielt hierbei eine wichtige Rolle. Hat ein Atemschutzgeräteträger diese Problematik gelernt zu verarbeiten bzw. ihr zu entgegnen, ist ein wichtiger Baustein der Ausbildung gegeben. Die Autoren geben weiterhin Beispiele für Übungen und beschreiben das grundsätzliche Vorgehen beim Aufbau einer Atemschutznotfall-Ausbildung.
Im vorletzten Kapitel „Entwurf einer SER“ beschreiben die Autoren den Vorteil einer Standard-Einsatz-Regel für einen Sicherheitstruppeinsatz. Im letzten Kapitel finden sich ein Vordruck für eine Unfallmeldung, eine Checkliste zur Dokumentation der Übergabe einer Einsatzstelle und eine Ausbildungsempfehlung für die Atemschutz-Notfalltraining mit Beispielen.
Zusammenfassung
Als roter Faden zieht sich das Thema Ausbildung durch das Buch. Mehrfach kritisieren die Autoren den Status quo der Ausbildung und der vermittelten Ausbildungsinhalte sowie die mangelnde Intensität der Ausbildung. Diese Kritik bezieht sich, sowohl auf die Führungskräfte, als auch auf die Atemschutzkräfte – egal ob hauptamtlich oder freiwillig. Analog dazu konstatieren die Autoren auf Seite der Einsatzkräfte eine mangelnde Bereitschaft sich eine „Mayday“-Situation einzugestehen.
Dies liegt – wie man immer wieder zwischen den Zeilen lesen kann – an einem kulturellen Problem und der vorherrschenden Mentalität in deutschen Feuerwehren, die „Hilfe rufen“, „Hilfe annehmen“ und mit Nachbarfeuerwehren kooperieren nicht zulässt.
Kooperation ist aber wegen des Ressourcenbedarfs bei einem Atemschutznotfall notwendig, wie die Autoren dokumentieren. Das kulturelle Problem führt insgesamt zu Konzeptlosigkeit bei der Einsatzvorbereitung und Fehler in der Ausbildung bzw. falschem Heldentum bei den Atemschutztrupps. Im Grunde konstatieren die Autoren, dass viele Feuerwehren mit einem komplexen Atemschutz-Notfallmanagement überfordert sind.
Nicht minder kritisch weisen die Autoren auf andere Missstände hin, z.B. der laxe Umgang mit der G26.3 Untersuchung, bzw. hinterfragen die persönliche Schutzausrüstung (Feuerwehrhaltegurt).
Insbesondere die geringe Rezeption von und Diskussion über die vorliegenden Unfallberichte, stimmt die Autoren nachdenklich, was die Lern- und Anpassungsfähigkeit des Feuerwehrwesens betrifft. Dies zeigt sich daran, dass z.B. der Sicherheitstrupp in der FwDV 7 geringe Aufmerksamkeit erhält.
Das Buch spricht weiterhin Aspekte an, über die sich Feuerwehren und Einsatzkräfte wenig oder keine Gedanken machen, wie z.B. Rückzugsignale, Fortführung des ursprünglichen Einsatzes bei einem Atemschutznotfall, Anpassung der AAO an den Atemschutznotfall bzw. erweiterte Aufgaben der Atemschutzüberwachung.
Zugleich widerlegen die Autoren den „Abweichen-von-der-UVV“-Mythos und zeigen physische und zeitliche Restriktionen eines Sicherheitstrupps, die in dieser Form in der Ausbildung wenig thematisiert werden, eben weil kein tragbares Konzept vorhanden ist oder man sich bestimmte Aspekte nicht eingestehen will.
Ein gänzlich unbekanntes bzw. wenig rezipiertes Thema greifen die Autoren mit dem Komplex „Sicherheitstrupp und Atemschutzunfälle im ABC-Einsatz“ auf. Neben der Komplexität zeigen die Autoren den um ein vielfaches erhöhten Ressourcenbedarf auf. Spätestens hier zeigen die Autoren deutlich, dass es ohne Kooperation, intensive Ausbildung und einem Konzept zu keiner erfolgreichen Rettung kommt.
Kritik des Rezensenten
Kritisch aus Sicht des Verfassers (der Rezension) ist die sehr kurz geratene historische Betrachtung des Sicherheitstrupps. In diesem Kapitel hätten die Autoren eine Analyse für das noch immer bestehende „stiefmütterliche“ Dasein des Sicherheitstrupps darlegen können. Offenbar liegt dieses in der Feuerwehrgeschichte bzw. dem schon mehrfach erwähnten kulturellen Problem begründet
Weiterhin ist die Beschreibung der Ausrüstung, die Taktik und Organisation des SET leider über mehrere Kapitel verteilt, sodass das SET erst gegen Schluss des Buches Kontur gewinnt.
Fazit
Die Autoren exponieren, dass die Atemschutz- und Sicherheitstruppausbildung angepasst werden muss. Der Vorschlag einen Atemschutzlehrgang II einzuführen, dem als Schwerpunkt das Thema Atemschutznotfallmanagement zu Grunde liegt, ist – auch vor den im Buch beschriebenen Problemen und Anforderungen – zuzustimmen.
Das Buch „Atemschutz-Notfallmanagement“ ist damit eine Pflichtlektüre für die Einsatzplanung und -vorbereitung sowie für die Ausbildung. Gerade weil kulturelle Probleme und nicht existierende Dienstvorschriften dem Atemschutz-Notfallmanagement entgegenstehen, stellt das Buch wichtige Grundlagen dar, die von allen an einem Einsatz beteiligten unbedingt rezipiert werden sollten. Kaufen – lesen – anwenden! (Autor der Rezension: Stefan Cimander, www.fwnetz.de)
Cimolino, Ulrich; Adrian Ridder; Björn Lüssenheide; Christian Reeker, Jan Südmersen: Atemschutz-Notfallmanagement: Organisation, Ausbildung und Ausrüstung für Sicherheitstrupps und Schnelleinsatzteams. Hrsg. v. Ulrich Cimolino. Verlag Ecomed Sicherheit. Heidelberg 2010. 268 Seiten. ISBN 978-3-609-77484-8. Preis 44,95 Euro.
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Notfall drinnen, Notstand draußen?
31. August 2010 von Christian Lewalter · 8 Kommentare
Von Bernd Hoeft.
Um im Falle eines Atemschutznotfalles ausreichend auf die veränderte Situation reagieren zu können, müssen von Führungskräften der Feuerwehren einige Dinge, zum Teil bereits im Vorwege beachtet werden. Zudem muss die gesamte Mannschaft auf einen solchen Fall vorbereitet sein, um ein adäquates, vernünftiges Handeln in dieser Extremsituation zu ermöglichen.
Atemschutznotfall-Management in Hamburg
19. Juli 2010 von Stefan Cimander · 6 Kommentare
(sc). Auf der Interschutz 2010 in Leipzig konnten die Besucher am Stand von atemschutzunfaelle.eu mit verschiedenen Experten aus dem Bereich Atemschutz diskutieren. Bewusst war dies nicht als Vortrag konzipiert, sondern als lockeres Gespräch. Unter anderem stellte sich Lars Lorenzen von der Feuerwehr Hamburg den Fragen zum Thema Atemschutznotfalltraining in der Hansestadt. Weiterlesen…
Flucht oder Kampf: Führen und Entscheiden unter Stress
14. April 2010 von Stefan Cimander · 2 Kommentare
Autor: Jan Schlösser
Die Auswirkungen von Stress auf das Verhalten
Gruppenführer sind während des Einsatzgeschehens einer Vielzahl von Faktoren ausgesetzt, die Stress verursachen. Diese Faktoren nennt man „Stressoren“. Dazu gehören z.B. Lärm, Hitze, Zeitdruck und Informationsüberflutung.
Der Organismus reagiert auf diese Stressoren auf eine Art und Weise, die sich in der Entwicklung der Spezies Mensch als besonders effizient herausgestellt hat: Er bereitet sich darauf vor, entweder zu kämpfen oder zu fliehen. Dieser „Flucht oder Kampf“-Zustand zeichnet sich unter anderem durch Veränderungen im Denken und Fühlen aus:
Verengung der Aufmerksamkeit
Die Aufmerksamkeit konzentriert sich auf Dinge, die besonders ins Auge stechen oder die für das weitere Handeln besonders relevant sind. Andere Dinge, die einem unter normalen Umständen sofort auffallen würden, tun dies im „Flucht oder Kampf“-Zustand nicht mehr.
Abnahme der Konzentrationsfähigkeit
Die Stressoren streuen sozusagen Sand ins Getriebe des Denkens und die Aufnahme von Informationen wird durch sie behindert. Man kann sich nicht mehr so viel merken wie unter normalen Umständen. Außerdem verleitet uns der „Flucht oder Kampf“-Zustand dazu, Informationen, die wir dann doch aufnehmen, nur sehr oberflächlich zu verarbeiten. Dadurch werden gerade erst aufgenommene Informationen schnell wieder vergessen.
Rückfall in primitive oder gut gelernte Verhaltensweisen
Menschen unter Stress neigen zu primitiven Verhaltensweisen. Man kann das immer wieder beim Ausbruch einer Panik beobachten. Entscheidungen werden auf der Basis von nur wenigen Faktoren getroffen. Zum Beispiel verleitet im Falle einer Panik der Faktor „Lebensgefahr“ Menschen dazu, um jeden Preis der entsprechenden Situation entfliehen zu wollen, und dabei mitunter an Orte zu fliehen, bei denen ein Mensch der nicht unter Stress steht, sofort erkennen würde, dass die Gefahr dort sogar noch größer ist.

Gruppenführer müssen innerhalb kurzer Zeit eine Entscheidung treffen, in dieser Stresssituation spielt der Körper jedoch ein spezielles Programm ab.
Aber auch ausgebildete Einsatzkräfte handeln unter Stress eher nach gewohnten Mustern, da sich Verhaltensweisen, die nicht oft geübt wurden und dadurch noch nicht gut im Gehirn verankert sind unter Stress nicht mehr abgerufen werden können: Unter Stress verlässt sich der Organismus auf Verhaltensweisen, die schnell und zuverlässig abrufbar sind. Schnell und zuverlässig abrufbar sind aber nur häufig geübte Verhaltensweisen oder solche, die uns angeboren sind.
Ausschüttung von Stresshormonen
Der Körper schüttet Stresshormone (wie z.B. Adrenalin) in den Blutkreislauf aus. Dadurch kommt es zu vielfältigen Veränderungen im Körper: Der Blutdruck steigt, die Herzfrequenz nimmt zu, Energiereserven werden angezapft. Mit der Hormonausschüttung gehen auch psychische Veränderungen einher. Insbesondere löst die Hormonausschüttung häufig ein Gefühl der Angst aus.
Als Faustregel kann man sich merken: Stress macht uns alle wieder ein wenig zu Urmenschen. Denken und Verhalten sind simpler und primitiver, große Denksprünge sind kaum möglich.
Wie geht man mit dem „Kampf oder Flucht“-Zustand um?
Grundsätzlich muss man festhalten: Das erfolgreiche Handeln unter Stress lernt man nur durch langjähriges Üben! Durch das Üben gewöhnt man sich an den Stress, die Stressoren verlieren mit der Zeit ihre Bedrohlichkeit. Dadurch fällt die Reaktion auf den Stress weniger drastisch aus. Außerdem entwickelt man automatisch Strategien für zielgerichtetes und erfolgreiches Handeln in diesem Zustand.
Durch die zunehmende Erfahrung mit den unterschiedlichsten Einsatzsituationen entwickelt man mit der Zeit ein hervorragendes Gedächtnis für die einzelnen Bestandteile dieser Situationen und kann zuverlässige Vorhersagen treffen, z.B. über im weiteren Verlauf des Einsatzes auftauchende Gefahren, obwohl diese noch gar nicht erkennbar sind.
Ähnlich wie beim Autofahren automatisiert man das Handeln zunehmend, bis man am Ende oft gar nicht mehr genau sagen kann, warum man genau diese oder jene Entscheidung getroffen hat. Um aber solch einen Expertenstatus zu erreichen, sind etwa zehn Jahre Erfahrung nötig.
Was aber ist zu tun, wenn man über diese Erfahrung noch nicht verfügt? Der Schlüssel dafür, auch ohne langjährige Erfahrung erfolgreich unter Stress zu handeln, liegt im Verständnis und der Akzeptanz des „Kampf oder Flucht“-Zustandes.
Wenn wir uns unseren Körper als Computer vorstellen, dann ist der „Kampf oder Flucht“-Zustand ein spezialisiertes Programm, das dann gestartet wird, wenn eine bestimmte Aufgabe am Computer erledigt werden soll (z.B. Textverarbeitung). So wie ein Textverarbeitungs-Programm das sinnvollste Programm für diese Aufgabe wäre, so ist auch der „Kampf oder Flucht“-Zustand das Programm, das für die Aufgabe „Handeln unter Stress“ am besten geeignet ist. Richtig genutzt, verbessert es unsere Leistung im Einsatz. Und wie bei Computerprogrammen gilt auch hier: Um mit dem Programm arbeiten zu können, muss man verstehen, wie es funktioniert, und muss beim Arbeiten die Eigenheiten dieses Programms akzeptieren.
Kurz gesagt: Wir müssen akzeptieren, dass unser Organismus dieses Stressprogramm startet, sobald er mit Stressoren in Kontakt kommt, und lernen, es richtig zu bedienen. Hat man diesen grundsätzlichen Schritt gemacht, verschwindet die Angst vor dem „Kampf oder Flucht“-Zustand, und es bleiben mehr geistige Kapazitäten für das Entscheidende frei: Die Ausführung der notwendigen Schritte für den erfolgreichen Abschluss des Einsatzes.
„Bedienungsanleitung“ für den „Kampf oder Flucht“-Zustand
Pläne und Strategien möglichst simpel halten
Wie oben geschildert, wird das Denken und Handeln unter Stress simpler, und es stehen weniger geistige Ressourcen zur Verfügung. Dies ist ein Fakt, den man akzeptieren muss, und an den man sein Handeln anpassen muss. Deshalb: Im Zweifelsfall sollte man von zwei Strategien der einfacheren den Vorzug geben.
Beim Treffen von Entscheidungen nicht zu viel analysieren
Stress behindert das Denken, das Abrufen von eigenen Erfahrungen ist dagegen noch gut möglich. Deshalb sollte man sich beim Einschätzen der Situation an der Einsatzstelle und beim Treffen von Entscheidungen lieber auf die eigenen Erfahrungen verlassen als zu versuchen, die Situation in ihrer Gänze zu erfassen. Eine mittelmäßige Entscheidung, die rechtzeitig ausgeführt wird, ist besser als eine perfekte Entscheidung, die zu spät kommt.
Adrenalinausschüttung neu interpretieren
Im „Flucht oder Kampf“-Zustand schüttet der Körper Adrenalin aus. Diese Ausschüttung wirkt sich auch auf unsere Gefühle aus: Wir erleben die Adrenalinausschüttung als Angst. Wenn wir aber wissen, dass die Adrenalinausschüttung nur ein Unterprogramm des „Flucht oder Kampf“-Programmes ist, können wir sie auch als solche begreifen. Sobald wir Angst verspüren, sollten wir uns selbst etwas sagen wie: „Das ist bloß der Flucht oder Kampf“-Zustand, Adrenalin wird nun ausgeschüttet. Das ist ganz normal, der Körper bereitet sich so auf die Gefahr vor.“ Wenn es gelingt, die Adrenalinausschüttung so umzuinterpretieren, verliert das mit ihr einhergehende Angstgefühl seine Bedrohlichkeit.
Geistige Vorbereitung schon auf der Anfahrt zur Einsatzstelle
Durch geistige Vorbereitung („Was für eine Situation könnte an der Einsatzstelle vorliegen? Habe ich eine solche Situation bereits erlebt? Wie bin ich damals damit umgegangen? Mit welchen Gefahren muß ich rechnen?“) wird das Programm „Kampf oder Flucht“ bereits gestartet, bevor man überhaupt den Stressoren ausgesetzt ist. Es wird bereits Adrenalin ausgeschüttet, so dass die Ausschüttung in der Stressituation selbst nicht mehr so drastisch ausfällt. Der Körper stellt sich bereits auf den bevorstehenden Einsatz ein, so dass bei Ankunft an der Einsatzstelle vom ersten Moment an grundsätzlich effizient gehandelt werden kann.
Hilfsmittel nutzen
Unter Stress nimmt die Gedächtnisleistung verglichen mit dem Normalzustand ab. Das ist unvermeidlich, aber man kann sich darauf vorbereiten, indem man Hilfsmittel wie Stift und Schreibblock in der Uniformjacke bereithält, um sich Wichtiges zu notieren. Damit wird das Gedächtnis entlastet und man kann die dadurch frei bleibenden Kapazitäten anderweitig nutzen.
Fazit
Als Fazit bleibt festzuhalten:
1. Nur erfahrene Experten sind in der Lage, auch unter Stress wirklich gute und umsichtige Entscheidungen zu treffen. Deshalb sollte es das Ziel jedes Gruppenführers sein, ganz bewusst Erfahrungen zu sammeln und soviel wie möglich zu üben.
2. Solange diese Erfahrung noch fehlt, sollte man lernen, den „Kampf oder Flucht“-Zustand so wie in der „Bedienungsanleitung“ beschrieben zum eigenen Vorteil zu nutzen. (Autor: Jan Schlösser, Edit: Stefan Cimander / www.fwnetz.de)
Über den Autor
Jan Schlösser ist Doktorand am Lehrstuhl für Kognitive Psychologie an der Universität Konstanz und beschäftigt sich in seiner Arbeit in erster Linie mit der Frage, wie sich die visuelle Aufmerksamkeit unter verschiedenen Einflüssen (z.B. Zeitdruck oder Bezahlung für gute Leistung) verändert. Er ist seit April 2009 Mitglied einer Freiwilligen Feuerwehr am Bodensee.
ExtriCamp 01-10
1. April 2010 von Irakli West · 8 Kommentare
(iw) Letzten Freitag ging das erste extriCamp über die Bühne: 6 Teilnehmer, 6 derfomierte Autos, 6 Stunden zum Austoben. Ziel der Veranstaltung war bewusst und hauptsächlich der Umgang mit Gerät, ob hydraulisch oder mit der Säbelsäge. Zweites Hauptaugenmerk waren Arbeitsweisen, beispielsweise Reissen der B-Säule, Tunneln oder die Fischdose, um einige Beispiele zu nennen. Auch hier war mir besonders wichtig, keinen Frontalunterricht abzuhalten: jeder sollte seine Wünsche und Bedürfnisse einbringen, und es ging auch darum, das Ganze gemeinsam anzugehen.
Nicht Bestandteil war das “drumherum”, also Abläufe wie Absperrung, Brandschutz, innerer Retter usw. Als Einziges haben wir zuerst unterbaut und bei Bedarf stabilisiert.
Hier also ein kleiner Bericht über diese Veranstaltung, die 3-4 Mal im Jahr stattfinden soll. Termine werden noch bekannt gegeben: Weiterlesen…
Eindrücke vom Bus Lift in Schweden
23. März 2010 von Irakli West · Kommentieren
Diesen (Bilder)beitrag wollte ich schon länger nachliefern. Im Februar war ich drei Tage zur Ausbildung in Schweden, und zwar bei Jimmy, der in diesem Bereich zumindest in Europa mit hunderten zerlegten, deformierten neuen LKW und Bus Lifts als der Standard gelten dürfte. Hier ein kleiner Eindruck von dieser Ausbildung, die es in dieser Form bei uns alleine wegen den Kosten nie geben wird. Man bekommt das, wofür man zahlt. Weiterlesen…
medicCamp: Eindrücke
21. Februar 2010 von Irakli West · 12 Kommentare
(iw) Aus Feuerwehrsicht hat es der heutige Tag in meine Top 5 geschafft. Das sind so viele Eindrücke (Bilderstrecke), dass man sie in aller Kürze oder Länge kaum zusammenfassen kann. Vielleicht ist es sinnvoll, diese erst ein wenig einwirken zu lassen, und nach ein Paar Tagen eine Zusammenfassung zu versuchen. Dennoch versuche ich es in aller Kürze. Weiterlesen…
Big Lift 02
15. Februar 2010 von Irakli West · 6 Kommentare
(iw) So, der zweite Big Lift Workshop wäre auch geschafft: hier ist eine kleine Bilderstrecke. Mit den Erkenntnissen des Vorläufers im Dezember (auch hier vielen Dank für das Feedback) war’s diesmal klar fokussiert.
Ausbildungsempfehlung Atemschutz-Notfalltraining veröffentlicht
25. Januar 2010 von Adrian Ridder · 1 Kommentar
Das Team von Atemschutzunfaelle.eu erarbeitete in Zusammenarbeit mit Kollegen der Feuerwehren Düsseldorf, Wuppertal und Norden eine Empfehlung, wie das Notfalltraining für Atemschutzgeräteträger im Rahmen der Standortausbildung umgesetzt werden kann. Weiterlesen…
Spüren, messen und identifizieren als Spezialaufgabe: Die ATF
15. November 2009 von Stefan Cimander · 10 Kommentare
(sc). Seit einigen Jahren gibt es eine strategische und taktische Neukonzeption des Bevölkerungsschutzes in der Bundesrepublik. Auf der FLORIAN – Fachmesse für Feuerwehr, Brand- und Katastrophenschutz in Karlsruhe stellte das Bundesamt- für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) zusammen mit der Berufsfeuerwehr Mannheim das neue Ausstattungskonzept des Bundes für CBRN-Lagen vor. Im Mittelpunkt der Ausstellung stand die Analytische Task Force (ATF). Die ATF ist eine Spezialeinheit auf dem Gebiet der chemischen Analytik.












